Herder den Glauben an die Menschlichkeit, durch Schiller die Poesie des Moralischen, durch Kant die abstrakte Pflicht. Diese neuen Errungenschaften erschienen uns keineswegs als Widersprüche der alten französischen Geistigkeit wir faßten sie als deren Fortsetzung auf.
Seit 1848, der Zeit, wo die Fragen immer eindeutigere Form erhielten, haben wir angenommen, daß Deutschland eine politische Einheit werde und dies durch die rechte und notwendige Revolution. Wir betrachten das zur Nation werdende Deutsch land als ein Hauptelement der Weltverständigung. Diese deutsche Nation, von der wir wünschten, daß sie als eine neue Individualität in das Völkerkonzert trete, dachten wir uns nach dem Bilde dessen, was wir gelesen hatten, wir dachten sie uns nach den von Fichte oder Kant formulierten Prinzipien. Wir setzten die schönsten Hoffnungen in den Tag, da dem großen europäischen Bund sich ein philosophisches und vernunftklares Volk zugesellen werde, ein Freund aller Freiheiten, ein Feind des alten Aberglaubens, zugetan dem Symbol der Gerechtigkeit und des Ideals.
Was haben wir uns träumen lassen!
Der Nationalruhm ist ein großer Anreiz für das nationale Genie. Sie hatten achtzig Jahre lang eine bewundernswerte literarische Bewegung; in dieser Zeit blühten Schriftsteller bei Ihnen auf, die den größten der anderen Nationen an die Seite zu stellen sind. Woher kommt es, daß diese Ader so gut wie versiegt ist? Wo ist die Nachfolge Goethes, Schillers, Heines? An Talent fehlt es Ihnen sicher nicht; doch schaden zwei Dinge nach meiner Auffassung Ihrer literarischen Produktion: Ihre übertriebenen Militärlasten und ihre sozialen Verhältnisse. Angenommen, Goethe hätte Militärdienst leisten müssen und wäre den plumpen Reden drillender Sergeanten ausgeliefert gewesen- glauben Sie nicht, daß er unter solchem Dienst die Blüte seiner Eleganz und Freiheit eingebüßt hätte? Ihre sozialen Zustände scheinen mir ebenfalls der Entfaltung einer großen Literatur wenig günstig. Die Literatur setzt eine heitere, glanzvolle, freie, zur Selbstironie geneigte Gesellschaft voraus, in der die Ungleichheit noch so groß sein mag, je
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