Ich blätterte darin, und der Blockschreiber, der sah, daß es mich interessierte, sagte: ,, Nimm's nur mit, ich kann doch kein Französisch lesen. Der Eigentümer ist heute nacht gestorben, er liegt da draußen bei den andern in der Blockstraße."
Abends, nach dem Appell
Heute nachmittag war zweieinhalb Stunden Luftalarm, so daß ich in der Stube bleiben konnte.
Übersetzte aus Renans Buch seinen ,, Lettre à un ami Allemand" vom 16. April 1879, der einen stets wachsenden Eindruck auf mich machte.
Wem hat dieses Buch gehört? Wer war der Mann, der bis zu seinem Tod bis zu seinem elenden Tod im Typhusblock-- so gedacht hat, der sich unter Aufbietung seiner letzten Kräfte vor jedem Chauvinismus zu bewahren suchte?
Er scheint diesen Brief nämlich immer wieder gelesen zu haben, viele Male, das beweisen die Bleistiftstriche und Randbemerkungen. So steht an einigen Stellen in einer zitterigen, altmodischen Schrift: ,, d'accord!" und zweimal: ,, Bravo!" Wie gern hätte ich diesen Franzosen, der so gedacht hat, gekannt und gesprochen. Er muß entsetzlich gelitten haben und eines zweifachen Todes gestorben sein. Zu seiner Ehre, hier die Übersetzung:
Brief an einen deutschen Freund von Ernest Renan( 1823-1892) 16. April 1879
Niemand hat mehr als ich Ihr großes Deutschland bewundert, das Deutschland , das fünfzig oder sechzig Jahre zurückliegt, das im Genius Goethes Gestalt angenommen hat und das in den Augen der Welt von jenem wundersamen Bündnis der Dichter, Philosophen, Historiker, Kritiker und Denker repräsentiert wird, welches den Reichtum menschlichen Geistes um neue Schätze vermehrt hat. Wir alle, wie wir da sind, verdanken ihm viel- diesem großen, klugen und tiefgründigen Deutschland , das uns durch Fichte den Idealismus lehrte, durch
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