8. Februar
Pater van G. lieh mir gestern ,, Das wahre Gesicht der Heiligen" von Wilhelm Schamoni , worin ich nach dem Appell den ganzen Abend über blätterte.
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Danach habe ich es noch ein zweites Mal gemeinsam mit Suire durchgesehen. Das Buch besteht beinahe ausschließlich aus Illustrationen: Bildern von Heiligen der katholischen Kirche ,,, offiziellen Mosaikmalereien, Skulpturen, Monumenten, Wandmalereien und so fort, die sich, soweit möglich, alle an die historische Wirklichkeit halten, obwohl dies natürlich nicht immer ging.
Mich fesselten vor allem die Abbildungen von Augustinus und Canisius.
Schamoni, der das Illustrationsmaterial für dieses Buch zusammenstellte, sitzt übrigens auch hier, in Block 26! Ich hoffe, ihn dieser Tage kennenzulernen. Van G. will die Bekanntschaft vermitteln.
9. Februar, während der Mittagsruhe
In unserer Stube ist es nun ganz still.
Alles ist wieder einmal ,, gründlichst" gereinigt und der Fußboden ist derart gescheuert, daß man davon essen könnte, denn es ist nämlich ,, Besuch" angesagt!
Draußen in der Blockstraße scheint die Sonne, auch auf die Leichen, die dort liegen, heute ungefähr hundertunddreißig. Durchs offene Fenster dringt die Stimme von Dr. Blaha aus der Totenkammer herüber, der stets im gleichen Tonfall auf lateinisch seine Diagnosen herunterleiert. Er ist am Seziertisch mit dem Öffnen und Zerlegen der Leichen beschäftigt. Ich kann ihn von meinem Platz aus nicht sehen, ihn nicht und seine Toten nicht und auch nicht die blutigen Kleider, die den Leichen vom Flugplatz gehörten.
Ich höre nur Blahas Stimme, sehe die Sonne auf meinem Papier spielen und kleine Kreise darauf zeichnen, und es ist, als
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