Eine Verhöhnung? Nein, sicherlich nicht. Eher ein Beweis dafür, wie verständnisvoll Goethe den Geisteszustand der Juden studiert und wie gründlich er sich mit den biblischen Erzählungen beschäftigt hat. Ich glaube sogar, daß das auch einen großen Einfluß auf seine Kunst ausgeübt hat, der während seines ganzen Lebens fortwirkte und der deutlich spürbar ist.
28. Januar
Außer Goethe - in dessen ,, Westöstlichen Divan" steht: ,, Erinnern wir uns nun zuerst des israelitischen Volkes in Ägypten , an dessen bedrängter Lage die späteste Nachwelt aufgerufen ist, teilzunehmen". haben auch Herder und Lessing zu ihrer Zeit die Partei der damals bereits unterdrückten Juden ergriffen. Darum schreiben ,, sie" jetzt so verächtlich über den ,, Judenfreund" Lessing und auch weil sein ,, Nathan der Weise " kein
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antisemitisches Drama ist. Gleichfalls sehr stark und tapfer war der Humanist Reuchlin , als er in seinen ,, Briefen an die Dunkelmänner" den Antisemiten seiner Zeit unbarmherzig zu Leibe ging.
Haben eigentlich die deutschen Schriftsteller von vor 1933 die antisemitischen Skribenten auch scharf und wirksam genug angegriffen?
Haben sie Erscheinungen wie Adolf Bartels, Arthur Dinter und dergleichen Herren wohl genügend angeprangert?
Ich glaube, daß sie darin versagt haben, sich dadurch mitschuldig machten und der großen Tradition Reuchlin- GoetheLessing- Herder untreu geworden sind.
29. Januar
Ich komme immer wieder zu der Schlußfolgerung, daß ich zwei zentralen Persönlichkeiten, die doch Weltbedeutung haben, nicht genügend Aufmerksamkeit schenkte: Paulus und Augustinus .
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