Buch über die amerikanische Jugend(auf das ich sehr ge- spannt bin) und hielt anschließend in Berlin und London Vor-. lesungen über wirtschaftliche, vor allem über Währungspro- bleme. 1940 wurde er eingezogen, vom Hauptmann zum Oberst befördert, und geriet in deutsche Kriegsgefangenschaft. Er ist damals entflohen und nach Vichy zurückgekehrt, was ich nicht gut begreife. Er hat dort sehr für den Wiederaufbau Frank- reichs agitiert; wie und auf welche Art, weiß ich nicht. Jedenfalls scheint es ihm‘dort doch nicht gefallen zu haben, denn zwei Jahre später fuhr er mit einem Transport franzö- sischer Arbeiter nach Deutschland . Er hat dann monatelang als Elektriker in Wuppertal gearbeitet, wurde dort verhaftet und ist im Dezember 1944— bereits todkrank— nach Dachau gekommen.
; Morgen will ich versuchen, ob mir einer seiner Freunde viel- leicht eine Liste seiner Arbeiten und Bücher geben kann, vor allem derjenigen, die Fragen der Arbeiterjugend behandeln.
Abends
Als ich vor einer Stunde Rheinhardt besuchte, war der fran- zösische Kapellmeister gerade gestorben. Er war schon seit gestern abend ohne Bewußtsein, hatte nur noch gestöhnt und geröchelt. Der Stubendienst brachte ihn nach der Totenkam- mer und wollte nun den Strohsack, auf dem er gelegen hat, wegtragen, als ich darunter eine Mappe entdeckte. Sie enthielt nur ein Blatt Papier , auf das etwas gezeichnet war: das Por- trät einer älteren Frau. Darunter stand in zittrigen Schr‘ft- zügen; J’ai essay& de revoir lä les traits cheris de ma femme*.“ Ich zeige es Rheinhardt, ging dann aber schnell weg, denn ich spürte, daß meine Augen voller Tränen standen.
Warum hat mich diese Zeichnung viel stärker berührt als die hundert Toten, die auch heute wieder in der Straße vor der Totenkammer liegen? y
*„Ich habe versucht, mir damit die geliebten Züge meiner Frau wieder vor Augen zu führen.“
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