ihm doch einen Augenblick sein Instrument zu leihen. Ich sehe ihn noch vor mir, wie seine Hände liebkosend die Violine streichelten, bevor er sie mit einer feierlichen Gebärde ans Kinn hob und den Bogen ansetzte: etwas zitterig, ziemlich altmodisch und ein bißchen komödiantenhaft.
Dann begann er zu spielen: das Ave Maria von Gounod; und er legte wirklich all sein Gefühl hinein, all sein Leid- und sein Heimweh.
Ein wenig gutmütig- pedantisch stand er da und zugleich doch so rührend und ergreifend: klapperdürr und abgezehrt, in seiner Zebrajacke, mit einer viel zu kurzen Hose und mit viel zu großen, zerrissenen Schuhen.
Als er geendet hatte, starrte er erst noch eine Zeitlang völlig in Gedanken versunken vor sich hin- ich glaube, er hatte uns in diesem Moment wirklich vergessen-, doch dann dankte er für den aufklingenden Applaus wie ein echter verwöhnter Künstler. Ob er es wohl geahnt hat, daß er damals zum letztenmal in seinem Leben eine Geige in den Händen hielt? Er gab sie an den Bulgaren mit einer Gebärde zurück, in der alles lag: Wehmut und Resignation, Dank und Trauer, doch vor allem Verzweiflung...
Abends
Suire brachte mir gerade die letzten Worte des Paters Dillard, die er für mich notiert hat: ,, Si j'y reste, c'était prévu au départ, et c'était offert pour l'Eglise et pour la classe ouvrière*." Dieser Jesuit ist ebenso würdig gestorben, wie er gelebt hat, und ich glaube, daß seine Worte später einmal ihre historische Bedeutung beweisen werden.
Ein Priester, für den die Belange der Kirche mit denen der Arbeiter übereinstimmen, das ist es doch, was viele unter uns so leidenschaftlich von der katholischen Geistlichkeit erhoffen! Das ist doch die Verwirklichung der Ideen des katholi
* ,, Ich bleibe. Das war bei der Abfahrt vorgesehen. Es geschieht um der Kirche und um der Arbeiterklasse willen."
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