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Goethe in Dachau : Literatur und Wirklichkeit / Nico Rost ; aus dem Holländischen übersetzt von Edith Rost-Blumberg
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15. Dezember

Heute früh, nachdem Sepp mit ihm über mich gesprochen hatte, ließ mich der Kapo wiederum rufen: er hatte einen neuen Posten für mich. Und zwar besteht mein neuer ,, Beruf" darin, dafür zu sorgen, daß alle Türen auf dem langen Gang zwischen den Baracken 1 und 9 wieder gut zugemacht wer­den, so daß es dort weniger zieht!

Eine blöde Beschäftigung, aber dadurch bleibe ich wenigstens hier im Revier. Außerdem kann ich im Gang mehr sehen und hören als irgendwo anders, auch mit viel mehr Freunden spre­chen und so Verbindungen anknüpfen oder wiederaufnehmen. Ein anderer großer Vorteil für das Personal ist auch das aparte WC das sogar eine Tür hat!! Endlich, endlich eine Möglichkeit, um hin und wieder ein paar Minuten allein zu sein.

Nach dem Appell

Der Oberpfleger von 15 erzählte mir soeben ganz aufgeregt, daß die Jugoslawin tatsächlich eine Provokateurin ist!

In einem Brief, den sie an den Schutzhaftlagerführer geschrie­ben hat und den sie heute früh, als sie zurück nach München ging, am Tor abgegeben haben soll, steht, daß einige der hiesigen Häftlinge planen, die Frauen aus München mit Waf­fen zu versorgen- damit sie sich befreien können, wenn die Alliierten im Anmarsch sind.

In ihrem Schreiben behauptet sie außerdem, die Leiter dieser Aktion wären der Belgier Arthur Haulot und... ich!!!

Eine Stunde später

Bin sofort bei Arthur gewesen.

Er hat der Frau tatsächlich einen Brief mitgegeben, doch der enthielt natürlich nur einige unwichtige private Mitteilungen. Auch er ist nun sehr beunruhigt und sehr nervös.

Welche Verteidigungsmöglichkeiten haben wir auch gegen solche Anschuldigungen?

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