Den Zusammenhang des sechsten Buches, den ,, Bekenntnissen einer schönen Seele", mit dem Ganzen erkenne ich noch nicht deutlich. Vielleicht beabsichtigte Goethe, mit den ,, Bekenntnissen" ein warnendes Beispiel für Wilhelm aufzustellen, damit er sich nicht im Abstrakten verliere?
Als ich vor vielen Jahren ,, Wilhelm Meister " zum erstenmal gelesen hatte, hielt ich es für ein romantisches Buch, vor allem im Hinblick auf Gestalten wie Mignon und den Harfenspieler. Jetzt bin ich anderer Ansicht, ja ich möchte sogar behaupten, daß sein eigentlicher Inhalt die Entwicklung und die Erziehung des Menschen ist, um die Wirklichkeit zu begreifen und zu akzeptieren. Trotz Mignon und trotz Harfenspieler verliert Goethe nämlich keinen Augenblick die Realität aus den Augen.
Nach dem Appell
Je häufiger ich dieses Werk lese, desto moderner- ja selbst aktueller finde ich es. So läßt Goethe zum Beispiel den Abbé
sagen:
,, Nur alle Menschen machen die Menschheit aus, nur alle Kräfte die Welt. Diese sind unter sich oft im Widerstreit, und indem sie sich zu zerstören suchen, hält sie die Nation zusammen und bringt sie wieder hervor. Jede Anlage ist wichtig, und sie muß entwickelt werden. Eine Kraft beherrscht die andere, aber keine kann die andere bilden- in jeder Anlage liegt auch allein die Kraft, sich zu vollenden! Das verstehen so wenig Menschen, die doch lehren und wirken wollen." Man kann das vielleicht eine alte Wahrheit nennen, aber veraltet ist sie bestimmt nicht.
4. Dezember
Es herrscht eine riesige Aufregung im Lager: die deutschen Häftlinge scheinen an die Front geschickt zu werden.
So weit gehen ,, sie" also mit ihren Maßnahmen- und mit ihrem Zynismus,
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