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Goethe in Dachau : Literatur und Wirklichkeit / Nico Rost ; aus dem Holländischen übersetzt von Edith Rost-Blumberg
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vor jedem mündlichen Vortrag; was man aber niederschreibt und in einer Schrift veröffentlicht, das soll man, wenn es möglich ist, tausendmal prüfen, ob es richtig und wahr ist." Eine schärfere Verurteilung von Goebbels - sowie seiner Tra­banten in allen Ländern scheint mir kaum möglich.

15. November

Ein schwarzer Tag: Zweiundneunzig Tote!

Ich saß am Bett von Sepp, meinem österreichischen Freund aus dem Röntgenzimmer, dem wieder einmal sein Magen­leiden schwer zu schaffen machte, als ein Tscheche, der auf der Schreibstube arbeitet, hereinkam und uns zuflüsterte, daß vor einer Viertelstunde die zweiundneunzig russischen Offi­ziere aus dem Bunker geholt und weggeführt worden waren. Wir wußten sofort, wohin! Zu dem kleinen Hügel hinter dem Krematorium. Um dort erschossen zu werden...

Wir sprachen kein Wort mehr, saßen stumm und schweigend und warteten.

Sepp stand auf und öffnete das Fenster. Erst etwas später be­griff ich, warum...

Die Essenholer gingen die Suppe ,, fassen"; Kranke wurden herein- und hinausgetragen, Verbände erneuert, Wunden ge­säubert. Es wurde vor Schmerzen geschrien, über Zukunfts­aussichten diskutiert, gelacht und geschimpft.

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Sepp und ich saßen stumm und schweigend und warteten. Dann fiel der erste Schuß! Unwillkürlich fanden sich un­sere Hände. Sepp sah auf seine Armbanduhr; es war genau elf Uhr dreißig. Dann wieder Schüsse.- Und wieder. Und wieder. Immer wieder. Wir versuchten sie zu zählen, aber die Essenholer kamen mit der Suppe zurück und machten einen ohrenbetäubenden Lärm: ,, Gute Suppe. - Gute Suppe. .- Dicke Suppe!"

Wir lehnten uns aus dem offenen Fenster: Wieder Schüsse, Schüsse, Schüsse. Um zwölf Uhr fünf fiel der letzte Schuß, wurde es draußen still endlich.

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