Adi hatte mir gestern gerade einen Band Kleist gebracht. Ich habe sehr lange darin gelesen und mußte dabei an K. denken, der mir immer wieder vorwirft, daß ich Klassiker lese, die- wie er behauptet- ,, uns doch nichts mehr zu sagen haben und außerdem so veraltet sind". Er selbst liest lieber Romane von Jo van Ammers- Küller .
Plötzlich kam mir eine Idee: Ich übersetzte das kleine ,, Lehrbuch der französischen Journalistik", das Kleist 1809 für die ,, Germania" geschrieben hat. Ich habe einige, wenige Worte vier oder fünf, nicht mehr- verändert. Gleich nach dem Appell werde ich es ihm zu lesen geben, natürlich ohne zu erzählen, von wem es ist und wann und wo erschienen. Ich bin sehr neugierig was er dazu sagen wird! Hier die neue Fassung:
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LEHRBUCH DER NAZIJOURNALISTIK
EINLEITUNG
§ 1 Die Journalistik überhaupt ist die treuherzige und unverfängliche Kunst, das Volk von dem zu unterrichten, was in der Welt vorfällt. Sie ist eine gänzliche Privatsache, und alle Zwecke der Regierung, sie mögen heißen, wie man wolle, sind ihr fremd. Wenn man die Nazizeitungen mit Aufmerksamkeit liest, so sieht man, daß sie nach ganz eignen Grundsätzen abgefaßt werden, deren System man die Nazijournalistik nennen kann. Wir wollen uns bemühen, den Entwurf dieses Systems, so, wie er etwa im geheimen Archiv zu Ber lin liegen mag, hier zu entfalten.
ERKLÄRUNC
§ 2 Die Nazijournalistik ist die Kunst, das Volk glauben zu machen, was die Regierung für gut befindet.
§3 Sie ist bloße Sache der Regierung, und alle Einmischung der Privatleute, bis selbst auf die Stellung vertraulicher Briefe, die die Tagesgeschichte betreffen, ist verboten.
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