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nach Holland mitnehmen konnte. Dann folgte ein ausführlicher Bericht über seinen kleinen Hund. Aber als er mir anvertraute, welche Sorgen er sich um ihn macht, und wo ,, das arme Tierchen" wohl tagsüber wäre, während seine Frau für ihn und seine Entlassung bei der Gestapo und so weiter herumläuft, da habe ich ihn angefahren, und ich mußte mir selbst Gewalt antun, um ihm nicht einfach mit dem hier so beliebten, kräftigen SS- Ausdruck zu antworten. Darauf hielt er wenigstens den Mund, und ich konnte mich doch noch in aller Ruhe auf Hölderlin konzentrieren.
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Es hat sehr lange gedauert, bevor ich entdeckte, von welchem Gesichtspunkt aus ich am besten zum Kern seines Schaffens vordringen konnte. Es war, als ob ich erst Wagenladungen voll Schutt wegräumen mußte, um ihn in seiner wahren Gestalt entdecken zu können, soviel Unsinn ist in den vergangenen Jahren über ihn geschrieben und verkündet worden- und unwillkürlich bleibt doch das eine oder andere davon hängen, besonders bei einem so ,, schwierigen" Dichter. Nun sehe ich ihn aber wieder, wie ihn mich Lukacs zu sehen lehrte: als eine tragische Reaktion auf die Französische Revolution, als einen genialen Sänger der Freiheit, der seinem Ideal stets treu blieb, es niemals verleugnete und darum in seinem Vaterland zu jener Zeit wohl elend zugrunde gehen mußte. Ich glaube und darüber habe ich in den letzten Monaten schon oft nachgedacht und auch mit Telders darüber gesprochen, daß es bei einer Beurteilung der Werke und des Lebens der deutschen Klassiker vor allem wichtig ist, nachzuprüfen, wie sie auf die Französische Revolution, auf die Ereignisse des Jahres 1793 reagiert haben. Das scheint mir ein guter Ausgangspunkt, um sie sofort in ihrem wahren Kern zu erkennen: Klopstock , Schiller , die beiden Humboldts, Goethe ( obwohl bei ihm diese Frage komplizierter ist), Georg For ster , Hegel und auch Hölderlin .
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Deutschland war damals, um 1800 herum, noch lange nicht reif für eine Revolution, was allerdings nicht verhindert hat, daß die Ideen von 1793 auch in den Köpfen vieler seiner Dichter und Denker Wurzel schlagen konnten. Daß später eine
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