A. mich lesen ließ. Sie hören also mit ihren ,, totalen" Gleichschaltungsversuchen keineswegs auf. Hölderlin soll mit Gewalt zu dem Dichter des Dritten Reiches gemacht werden. Ich bin aber der festen Überzeugung, daß sie ihn unrechtmäßigerweise für sich reklamieren und daß Hölderlin einer der genialsten deutschen Dichter war. Er ist ein ,, schwieriger" Dichter, doch ich habe sein Werk, vor allem ,, Hyperion " nicht nur einmal gelesen, sondern viele, viele Male. Und nicht nur ein Buch über ihn, sondern alles, was ich bekommen konnte, alles was Dilthey, Gundolf und Friedrich Michel über ihn geschrieben haben; ganz besonders aber habe ich den Kommentar von Georg Lukacs durchstudiert, der mich Hölderlin sehen lehrte, so wie wir ihn sehen müssen, und der mir auch gleichzeitig die Waffen liefert, um ,, ihre" Offensive abzuschlagen. Ich habe mich einiger seiner Argumente bereits im vorigen Jahre bedient, als ich in Brüssel im Wehrmachtsgefängnis, wo wir schreiben durften meinen Aufsatz ,, Hyperion in Forest" verfaßte.
Er war auf Lukacs ' Theorien aufgebaut, denn ich glaube, daß diese den Nagel auf den Kopf treffen und Hölderlins tiefstes Wesen aufzeigen, dasjenige, worauf es bei ihm eigentlich ankommt. Ob Edith, nachdem ich auf Transport gegangen bin, diese Arbeit wohl bekommen hat? Und ob sie sie an B. weitergeben konnte?
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Auf alle Fälle werde ich da ich hier wieder schreiben kann und Papier und Bleistift habe nochmals versuchen, Hölder lin zu... entsetzen.
15. September
Wollte eigentlich gleich heute früh mit meinen Aufzeichnungen über Hölderlin , vor allem über„, Hyperion " beginnen, aber da kam H. und langweilte mich stundenlang mit seinen Erzählungen über seine Erlebnisse aus der Zeit, als er noch dazu als freiwilliger Arbeiter- in Deutschland tätig gewesen ist: über die Butter und den Speck und was weiß ich noch alles, was er damals jedesmal ,, in rauhen Mengen“ nach Hause
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