seine schöpferische, hemmungslose Phantasie mir keinen innerlichen Halt gibt. Goethe und Dante mit ihren strengen Formen tun das wohl. Ich spüre natürlich, daß auch Jean Paul ein Genie ist und sein Werk eine Welt für sich, aber den zentralen Punkt darin kann ich nicht finden. Ich weiß auch, welche allumfassende Liebe darin verborgen liegt, doch in meiner augenblicklichen Stimmung ist mir dieser Dichter eben zu allumfassend, nicht konkret genug.
Nach dem Appell
Soeben ein kurzes, Prosastück von Jean Paul gelesen, das trotz allem, was ich heute vormittag über ihn schrieb- einen unerwartet tiefen und sicherlich auch bleibenden Eindruck auf mich gemacht hat. Ein genialer Wurf! Diese prachtvolle ., Rede des toten Christus vom Weltgebäude herab, daß kein Gott sei" ist, meiner Meinung nach, auch dem so oft zitierten und überschätzten Gedicht von Multatuli ,,, Das Gebet eines Unwissenden", turmhoch überlegen.
11. September
Langsam fange ich nun auch an, das Personal meiner neuen ,, Stube" genauer kennenzulernen. Mein Stubenpfleger ist Österreicher und heißt Eugen. Sitzt schon seit zehn Jahren. Er hat am Aufstand in Wien teilgenommen und brachte das Gespräch sofort auf den österreichischen Sozialisten Otto Bauer . Dann erzählte er voller Stolz, daß es die Deutschen bis heute noch nicht gewagt haben, den ehemaligen Wiener Bürgermeister Seitz zu verhaften, und daß jeder Arbeiter, der ihn auf der Straße trifft, tief den Hut zieht- eine Art politischer Demonstration.
Eugen ist außerordentlich nervös, verliert bei der geringsten Kleinigkeit den Kopf, aber aus seinen Augen strahlt innige Güte. Er ist der beste Freund von Heini, vor dem er eine große, beinahe kindliche Ehrfurcht hat.
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