4. September
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Lazus, unser Professor der byzantinischen Kunstgeschichte, erzählte mir, daß er seit über, fünfzehn Jahren in Syrien für eine amerikanische, wissenschaftliche Gesellschaft archäologische Ausgrabungen machte; im Laufe des Gespräches entpuppte er sich außerdem auch als ein großer Verehrer von Ernest Renan. Er hat dessen gesamtes Werk- fünfunddreißig Bände! durchgearbeitet, oft Renans Spuren in Palästina, Antiochien und Syrien gekreuzt und konnte dabei stets konstatieren, daß dessen Untersuchungen und Schlußfolgerungen richtig waren. Obwohl er als guter Katholik natürlich Renans Ansichten über religiöse Fragen nicht teilen kann der Kardinalpunkt ist seiner Meinung nach, daß der Autor von ,, La vie de Jésus" nicht an das ,, Wunder", nicht an ,, Le Miracle" glaubt, hat er mir doch mit großem Nachdruck geraten, auf jeden Fall ,, Saint Paul" ,,, Les Apôtres" ,,, Marc Aurèle" ,,, L'avenir de la Science" und vor allem ,, Les souvenirs d'enfance et de jeunesse"( die ich kenne) zu lesen.
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Er sprach voller Begeisterung über Renan, lobte den Literaten und den Gelehrten ausführlich und bewies damit besonders als gläubiger Katholik einen außerordentlich großzügigen Standpunkt, den ich besonders sympathisch finde.
5. September, abends
Heute Heini geholfen. Wir hatten von einem Transport fünf ,, Neue". Er untersuchte sie auf dem Operationstisch und diktierte dann seine Diagnose. Auf lateinisch! Was muß dieser Mann doch gearbeitet und studiert haben in den sechs Jahren seines Hierseins!
Während der ,, Mittagsruhe" sprach er dann mit mir über sein Ideal, das er jahrelang angestrebt hat: Arzt zu werden. Als ich sagte, daß ihm nach dem Krieg für ein Studium sicher große Erleichterungen gewährt werden würden, daß diese Zeit ernster Arbeit und die hier erworbene große Erfahrung
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