Marées um so angenehmer auf, und ich las den dazugehörigen Artikel. Darin stand, daß sie sich in einem Schloß bei Schleißheim befinden. Dies Detail will mir nicht aus dem Sinn. Schleißheim ! Das liegt nämlich kaum drei Kilometer von unserem Lager entfernt und war für mich bisher immer nur ,, Kommando Schleißheim", ein gutes" Kommando auf einem Flugplatz, der zwar häufig bombardiert wird, aber wo man Brot organisieren kann und Extrasuppe bekommt.
Am nächsten Tag
Den ganzen Abend und auch noch im Bett lange an von Marées gedacht. An seine ,, Ruderer", und vor allem auch an meinen Freund Erich Kuttner , seinen letzten Biographen, der 1933 nach Holland emigriert ist.
Wie mir Apotheker B. in Scheveningen erzählte, hat er Kuttner im Sommer 1943 in Amersfoort auf Transport nach Po len gehen sehen. Ich fürchte also...
Ihm danke ich, daß mir Marées ' Kunst nähergebracht wurde, durch ihn lernte ich sie lieben.
Marées ist oft mit Delacroix verglichen worden, aber Delacroix hatte schließlich Vorgänger, deren Werk er fortsetzte, und das hatte von Marées nicht. Worauf konnte er weiterbauen? Wo waren die kulturellen Beziehungen der deutschen Malerei zu Italien und Frankreich , zu Flandern und den Griechen? Und von einem deutschen Realismus war damals überhaupt noch keine Rede.
Für einen Künstler wie Marées , der mehr wollte als seine Zeitgenossen- durch seine Veranlagung wohl mehr wollen mußte und dem die Schaffung einer nationalen Kunst vorschwebte, war der Weg noch nicht geebnet- ebensowenig wie für den genialen Hölderlin, in dessen Schicksal ich immer mehr Ähnlichkeit mit dem Leben Marées entdecke. Auch von Marées muẞte sein eigner Wegbereiter sein. Als er nach Rom ging, war er völlig unvorbereitet- kein Akademiker, kein Realist
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