Nach dem Appell
Heini hat mir das Bild seiner Frau gezeigt: eine schlanke Blondine mit langem Haar und einem etwas strengen, aber doch fraulichen Ausdruck, harmonisch und lebensfroh, blond und sehr deutsch, aber ohne die typischen krampfhaft zugekniffenen Lippen und freudlosen Züge.
Sie kommt ebenfalls aus der Jugendbewegung, dort haben sie sich kennengelernt, erzählte er mir, und sie ist auch Sozialdemokratin. Beide waren jahrelang mit Leib und Seele Jugendführer. Heini spricht mit inniger Bewunderung von seiner Frau. Sie ist die große Liebe seines Lebens, er hat sich niemals für eine andere Frau interessiert. Kinder haben sie nicht. ,, Wir dachten", berichtete er ,,, wir könnten damit noch warten, wir hätten sonst unsere Jugendarbeit unterbrechen müssen, und das wollten wir nicht."
Besonders stolz ist er auf sie, weil auch sie ihrer politischen Gesinnung nicht untreu wurde, niemals von den Nazis eine Unterstützung oder Pension angenommen hat und nach seiner Verhaftung sie waren erst kurze Zeit verheiratet lieber wieder arbeiten wollte, in derselben Fabrik, in die sie bereits als junges Mädchen ging, und da ist sie noch jetzt...
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In den vergangenen zehn Jahren hat er sie nur fünfmal gesehen, aber trotzdem weiß er, daß ihre gegenseitige Liebe unverändert geblieben ist; er liest das nicht nur aus jedem ihrer Briefe, sondern ist davon auch innerlich felsenfest überzeugt, mit ruhiger Sicherheit und tröstender Gewißheit, die ihm immer wieder neue Kraft verleiht.
2. September
Beim Lesen einer pompösen deutschen Kunstzeitschrift, die ich unten im Arzneischrank gefunden habe, fielen mir neben den Reproduktionen wertloser Schlachtenbilder und geschmackloser Führer"-Porträts plötzlich einige Fresken von Hans von
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