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Goethe in Dachau : Literatur und Wirklichkeit / Nico Rost ; aus dem Holländischen übersetzt von Edith Rost-Blumberg
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sie von einer Krankheit genesen sind oft noch eine neue hinzu. So setzt er jeden Tag aufs neue sein Leben aufs Spiel, ohne davon Aufhebens zu machen, denn er ist ein Sozialist, der immer und überall versucht, seine Ideale zu verwirklichen. Das hat er sein ganzes Leben lang getan, zuerst in der Jugend­bewegung, dann im Zuchthaus, und nun hier im Revier. Auch M. sieht wohl, was Heini für ihn und die anderen Kran­ken tut und tat, aber er empfindet nicht die tieferen Beweg­gründe, kann sie wahrscheinlich auch gar nicht empfinden, da ihm die wirkliche Bedeutung des Wortes ,, Solidarität" gänz­lich fremd ist.

Er ist Heini dankbar, daß er hier acht Wochen länger liegen­bleiben konnte, und möchte ihm das auf seine Art- auch zeigen.

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,, Ich werde meiner Frau sagen"- vertraute er mir heute an-, ,, daß sie Heini, wenn wir wieder zu Hause sind, jedes Jahr zu Weihnachten einen kleinen Edamer Käse schicken soll. Fin­dest du das nicht eine nette Idee?"

Ich habe mich darauf beschränkt, zustimmend mit dem Kopf zu nicken und nicht gefragt- obwohl mir das auf der Zunge lag, ob er die Absicht hat, ihm einen ,, Mageren"- oder ,, Vollfetten" zu spendieren.

30. August

Als ich vor einer Stunde, auf der Suche nach dem Ober­pfleger, durch Rheinhardts Stube kam, gab er mir ein Stück­chen Papier ein Blatt aus seinem Notizbuch-, auf das er aus dem Kopf ein Wort von Anzengruber für mich aufge­schrieben hat:

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,, Und doch, diese Menschheit, dieses zur Stunde noch bettel­arme Kind, für sie streiten bis zur Stunde die edelsten Gei­ster, und es ist doch eine schöne Idee, in dem streitbaren Re­giment zu stehen, dessen Tochter sie ist, und getroffen im Streit, das verscheidende Haupt ihr in den Schoß zu legen und zu sagen: Bewahre du mein Andenken."

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