eigenen Schönheit. Es war unrichtig, die Kunst Racines herausgerissen aus den historischen und nationalen Zusammenhängen sehen zu wollen, und darum konnte ich auch früher in Racines Gestalten aus der biblischen und antiken Geschichte nicht die tiefmenschlichen, zeitlosen Züge so gut erkennen, fühlen und verstehen, wie ich es jetzt wohl kann.
26. August
Seit gestern nach Stube 1 in Block I verlegt, wo Heini Stöhr Oberpfleger ist. Er kennt mich bereits durch seinen besten Freund Adi, mit dem er schon, bevor sie hier landeten, fünf Jahre im Zuchthaus Straubing zusammensaẞ.
Heini ist Bayer, in Nürnberg geboren. Kein Kommunist wie Adi, sondern Sozialdemokrat und mehr Gefühlsmensch als Politiker. Er versprach, mich erst einmal solange liegenzulassen, bis mein Abzeß ausgeheilt ist, und will dann sehen, was er für mich tun kann. Er zeigte mir sofort ein Versteck für meine Papiere, denn auch darüber scheint Adi bereits mit ihm gesprochen zu haben.
Heini arbeitet schon seit über sechs Jahren im Revier und hat in dieser Zeit Hunderten von Mithäftlingen das Leben gerettet. Pfarrer B., der ihn von früher her gut kennt, erzählte mir, daẞ Heini ursprünglich Arzt werden wollte, doch daß für sein Studium nicht genug Geld da war und er in eine Fabrik arbeiten gehen mußte. In den Jahren hier hat er sich ein so gründliches medizinisches Wissen anzueignen gewußt, daß es bei den Ärzten immer wieder höchstes Erstaunen und auch Bewunderung erregt. In der Ecke über seinem Bett steht eine Anzahl wissenschaftlicher, medizinischer Werke, in denen er oft studiert und die er sorgfältig behütet. Er hat sich auch selbst Latein beigebracht, so daß er nun imstande ist, die Krankengeschichten seiner Patienten auf lateinisch zu schreiben oder zu diktieren. ,, Die Hauptsache ist, daß die Krankenpapiere in Ordnung sind", sagte er heute zu mir ,,, und so ausführlich wie nur möglich ausgefüllt, dann läßt uns die SS in Ruhe und küm
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