kenpferde von Karl" unterbrach ihn Kuno, und es war deutlich zu merken, daß er damit eine besondere Absicht verfolgte. Bevor wir uns trennten, hat mich Karl gebeten, ihn heute abend nach dem Appell in der Desinfektionsbaracke hinter dem Bordell aufzusuchen.
22. August
Ich bin gestern abend so spät zurückgekommen, daß ich keine Zeit mehr für mein Tagebuch hatte.
Nun ist ,, Mittagsruhe", und ich will versuchen, alles möglichst ausführlich aufzuschreiben. Ich glaube, es lohnt sich. Als ich in die ,, Desinfektion" kam, wartete Karl dort bereits auf mich. Er brachte sofort eine lederne Brieftasche zum Vorschein die er, wie er mir stolz berichtete, in der Schuhmacherei angefertigt hat und übergab mir einen vergilbten Briefumschlag.
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,, Ich habe hier ein Dokument", sagte er beinahe feierlich, ,, das wohl kaum ein anderer Mensch besitzen dürfte. Ich habe es von meinem Freunde Max Baginski bekommen, der mit Gerhart Hauptmann befreundet war und ihn auf einer Reise durch die Weberdörfer begleitete. Hauptmann kam damals nach Langenbielau, seinem Geburtsort; ich habe ihn dort auch gesehen und ihm zugejubelt. Jetzt möchte ich ihn am liebsten... Ich hatte inzwischen den Umschlag geöffnet und darin einen Zeitungsausschnitt gefunden: Einen Artikel aus ,, Der Proletarier aus dem Eulengebirge" vom 15. November 1930( Nr. 268). ,, Ein Brief von G. H.", erläuterte Karl ,,, ich habe ihn die ganze Zeit hindurch aufbewahren können. Du kannst dir denken, wie schwierig das oft gewesen ist. Als ich hierherkam, haben sie ihn mir natürlich abgenommen, zusammen mit den Bildern meiner Frau und meiner Kinder, aber glücklicherweise konnte ich ihn später aus der Effektenkammer wieder zurückorganisieren lassen. Wenn du willst, kannst du ihn abschreiben; hier sind Papier und Bleistift. Kuno hat mir gesagt, wer du bist und daß ich Vertrauen zu dir haben kann."
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