gestohlen bleiben. Dazu kommt noch, daß ich ein ,, Intellektueller" bin, und die sind ihm noch besonders verhaẞt. Ich kann aber vorläufig noch hierbleiben und soll weiterhin die Krankengeschichten schreiben. Außerdem will er sehen, ob er bei Heini, dem Hauptpfleger von Baracke I, der großen Einfluß zu haben scheint, etwas für mich erreicht.
21. August
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Kuno vom Arbeitseinsatz( ehemaliger Vorsitzender des Braunschweiger Landtages, bereits über elf Jahre in Haft) machte mich gestern er ist noch immer krank mit einem seiner Freunde bekannt, der ebenfalls Sozialdemokrat und auch bereits seit 1933 in Dachau ist. Karl kommt aus Langenbielau in Schlesien- wo vor hundert Jahren die Weberaufstände waren und ist nun Kapo in der Schuhmacherei. Er hat es hier also jetzt verhältnismäßig gut, aber als ich eine Weile mit ihm gesprochen hatte, merkte ich, daß ihn das lange, völlige Isoliertsein von der Außenwelt ziemlich in Mitleidenschaft gezogen hat. Als ich erwähnte, daß ich zufälligerweise die Weberdörfer kenne und vor einigen Jahren in Peterswaldau , Steinkunzendorf und Kaschbach gewesen sei, war er so froh und glücklich, wieder einmal mit jemandem über seine Heimat reden zu können, daß er mir nicht nur sofort ein Paar neue Sohlen zugesagt hat, sondern mir auch seinen ,, kostbarsten Besitz" zeigen will. Ich habe nicht gut begriffen, was er damit meinte, aber Kuno blinzelte mir zu, als ob er sagen wollte, es sei der Mühe wert... Dann sprachen wir über das soziale Elend im Riesengebirge , und Karl erzählte, daß er früher auch Mitarbeiter der Parteizeitung ,, Der Proletarier aus dem Eulengebirge" gewesen ist. Jahrelang hat er sich mit dem Plan getragen, eine Geschichte der Weberaufstände zu schreiben, hatte bereits viel Material aus alten Archiven und Zeitungen gesammelt, aber dann kam Hitler ; er wurde verhaftet und seine sämtlichen Papiere und Aufzeichnungen wurden bei einer Haussuchung mitgenommen. ,, Die Weberaufstände und Gerhart Hauptmann sind zwei Stek
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