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Goethe in Dachau : Literatur und Wirklichkeit / Nico Rost ; aus dem Holländischen übersetzt von Edith Rost-Blumberg
Entstehung
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laẞ- aber um so mehr von ,, der Broschüre, der Einheits­broschüre aller politischen Parteien". Seine Augen glänzten, als er die Zukunftsmöglichkeiten beschrieb und die Rolle, die die Partei dabei zu spielen haben würde. Er sprach sehr ausführ­lich mit mir länger und ausführlicher als je zuvor. Jetzt hatte er ja Zeit- mehr als je-, und vielleicht würde schon sehr bald keine Gelegenheit mehr dazu sein...

Wenn ich nun hier in Dachau wieder an diese Unterhaltung zurückdenke, wird es mir immer mehr zur Gewißheit, daß mir Jan damals all das sagen wollte, wovon er wußte, daß er es später nicht mehr sagen konnte: Ratschläge eines er­fahrenen Praktikers an einen weniger erfahrenen, jüngeren Freund.

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Mit wieviel Liebe sprach er über die Zukunft unseres Landes, über Amsterdam , über unsere satten Weiden und unsere brei­ten Ströme. Und dann über die auf mir ruhenden Ver­pflichtungen auch als Schriftsteller. Über meine Aufgabe, für wichtige ausländische Autoren, aber auch für die großen Holländer ich weiß noch, daß er Brederode und Vondel nannte auch bei den Arbeitern neues und vor allem ver­tieftes Interesse zu wecken. Er nannte in diesem Zusammen­hang auch Spinoza , dem Hegel und Marx soviel zu danken hatten, und bedauerte, daß er selbst niemals genug Zeit für ein gründlicheres Studium seiner Werke gefunden hatte. Er legte mir besonders größte Verträglichkeit gegenüber jedem ehrlich Andersdenkenden ans Herz und Nachsicht gegen die­jenigen, die nicht sofort das nötige Verständnis für die neuen Ideen aufbringen würden. Er riet mir, niemals die religiösen Gefühle gläubiger Menschen zu verletzen, da wir uns stets für völlige Gedankenfreiheit eingesetzt hätten und diesem Prinzip nie untreu werden dürfen. Er sprach über den Anteil der Kir­chen am Widerstand und daß wir die hierbei erreichte An­näherung später in jeder Hinsicht zu fördern hätten, über die Studenten, die eine so große Rolle im Widerstand spielen und deren Haltung wir anfänglich unterschätzten und die wir uns in Zukunft nicht wieder entfremden dürfen.

Und wie traurig und besonders ernst klang seine Stimme, als

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