Und nun geschah, was ich niemals vergessen werde: Anstatt mir auf meine Frage nach seiner Gesundheit zu antworten und sich wieder auf sein Bett zu legen, wie ich ihn bat, machte sich Jander doch so unendlich viel mehr gelitten hatte als ich und um den es doch soviel schlechter bestellt war als um mich noch meinetwegen Sorgen!
,, Du siehst schlecht aus, Junge", sagte er. ,, Sorgen sie auch gut für dich?"
Wir wußten beide, wen er meinte, aber auch noch, nachdem ich ihm versichert hatte, daß die Blässe nur von der Zelle in Scheveningen herkäme, und daß mir die Freunde sofort und so gut sie konnten geholfen hatten, blieb er besorgt und erklärte, darüber mit Gerrit sprechen zu wollen. Dieses Sich- selbst- völlig-Übersehen und Unwichtig- Nehmen, dieses Immer- zuerst- anderen- helfen- Wollen das war Jan Postma. So war er auch, als er die ,, Rote Hilfe" leitete und unzählige Hilfsaktionen organisierte: Die personifizierte Solidarität.
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Wir haben an diesem Nachmittag sehr lange miteinander gesprochen. Er wußte, was ihn erwartete: Die Kugel! Aber darüber sprach er kaum. Er sah nur die Zukunft für die anderen.
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und
,, Noch einige Wochen", meinte er ,,, vielleicht nicht einmal mehr so lange, und dann..." Er vollendete den Satz nicht und zuckte nur leicht mit den Achseln, als ob er sagen wollte: Wir haben ja immer gewußt, daß es für uns so ausgehen kann, aber die Arbeit, die Partei, der Kampf verlangten es mein Leben war doch wert, gelebt zu werden, denn es war ein Leben voller Kampf. Die Entwicklung gibt uns recht, sie geht so, wie wir sie wünschen, und an dem Ausgang dieses Krieges brauche ich keine Sekunde zu zweifeln.- Es ist gut so. Das alles und noch viel mehr habe ich an diesem Nachmittag gefühlt und verstanden, auch ohne daß er es deutlich aussprach; ich konnte es in seinen Augen lesen, und ich glaube, daß ich gut und richtig gelesen habe.
Er erzählte dann noch lange Zeit von ,, draußen", doch wenig über sich selbst- wenig über seine Verhaftung und deren An
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