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Goethe in Dachau : Literatur und Wirklichkeit / Nico Rost ; aus dem Holländischen übersetzt von Edith Rost-Blumberg
Entstehung
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Freunde aufforderte, dem Maler Karl Blechen zu helfen, des­sen Größe- genau wie die Hölderlins- erst jetzt voll an­erkannt wird." Sie ist tatsächlich viel, viel mehr gewesen als nur die begabte Schwester Clemens Brentanos und die dichtende Frau Achim von Arnims. Sie selbst hatte auch etwas Geniales. Sie poeti­sierte das Leben und war für ihre Zeit also ungefähr das, was eine Isadora Duncan oder eine Else Lasker- Schüler für unsere Zeit ist. Ihre Bedeutung beginnt sich allmählich immer klarer abzuzeichnen, besonders nachdem in den letzten Jahren viele neue Dokumente und Urkunden über sie und ihr Leben bekannt wurden.

,, Sie war also doch nicht nur ehrsüchtig, wie die meisten ihrer Biographen meiner Meinung nach übrigens zu unrecht- behaupten?"

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,, Das war sie ganz und gar nicht. Diese Behauptung ist in der Tat völlig falsch. Sie war ebenso wenig ehrsüchtig wie ihr be­rühmter Bruder. Sie hat zum Beispiel keine einzige ihrer Ar­beiten vor ihrem fünfzigsten Lebensjahr veröffentlicht.

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, Und was ist mit ihrem Werk, Dieses Buch gehört dem Kö­nig', das ich niemals auftreiben konnte?"

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,, Das würde dich sicherlich besonders interessieren, da es die soziale Seite der Romantik beleuchtet. Friedrich Wilhelm IV. , der 1840 den Thron bestieg, war ein Monarch, auf den eine Zeitlang die Augen eines großen Teiles seines Volkes erwar­tungsvoll gerichtet waren, besonders auch, als er der Prote­stant im Kölner Dom einer Messe beigewohnt hatte. Unter ihm erhielt Tieck sofort eine Professur in Berlin , ebenso die Brüder Grimm , die man aus Göttingen ausgewiesen hatte, und auch Arndt wurde rehabilitiert. Leider waren diese Män­ner damals- 1848- nicht mehr so fortschrittlich gesinnt wie sie es 1813 gewesen waren.

"

,, Erkannte Bettina das alles so klar?"

,, Sie blieb natürlich auch hier immer die Dichterin und ver­suchte eine Art Volkskönigtum zu proklamieren. Ein Beweis dafür, daß die Periode der Romantik noch nicht völlig vorbei war. Mit sechzig beziehungsweise mit siebzig Jahren ver­

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