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Goethe in Dachau : Literatur und Wirklichkeit / Nico Rost ; aus dem Holländischen übersetzt von Edith Rost-Blumberg
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Warum will er nicht begreifen, daß dieser Mann vielleicht schon in naher Zukunft mehr für sein Volk tun und bedeuten wird als die meisten Menschen, mit denen E. mit Vorliebe ver­kehrt, die er bereits für wichtig hält, weil sie Dr. jur.- oder Journalisten sind.

28. Juli

Meine Freundschaft mit Rheinhardt ist zu einer Quelle geistiger Anregung geworden. Ich sehe ihn nun täglich, und täglich führen wir lange Gespräche über Literatur, die uns helfen, das Leben hier zu ertragen die es uns er­

leichtern.

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Heute hat er mir so viele merkwürdige Einzelheiten über Bet­tina von Arnim erzählt, daß ich sie aufschreiben will, um sie nicht zu vergessen.

Ich wollte sein Urteil über den endgültigen Wert ihrer Arbei­ten hören, und darauf entwickelte sich eine Art Fragegespräch, fast ein Interview:

,, Ich kenne natürlich ihr Buch, Goethes Briefwechsel mit einem Kinde und bewundere es, aber..."

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, Was du nun sagen willst, weiß ich bereits im voraus. Diese Argumente kenne ich alle. Doch vergiß eines nicht: Als Bettina Goethe 1807 zum erstenmal traf, war er bereits ein alter Mann. Bettina aber beschrieb ihn als einen Jüngling und verkündete überall seine ewige Jugend. Dadurch hat Goethe selbst auch wie­der begonnen, sich jung zu fühlen, und das war ihr Werk!" ,, Und ihre Begegnung mit Beethoven?" fragte ich weiter. ,, Auch in ihm erkannte sie sofort das Genie, und sie hat auch Goethe und Beethoven miteinander in Verbindung gebracht; ihr erstes Zusammentreffen war ihr Werk. Im Juli 1812." ,, Das wußte ich nicht."

,, Sie war eine Seherin. Ich gebrauche bewußt diese Bezeich­nung, denn auch Hölderlins Genie hat Bettina als erste erkannt und gepriesen, und zwar zu einem Zeitpunkt, als man noch nicht von ihm sprach. Sie war es auch, die ihre

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