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Goethe in Dachau : Literatur und Wirklichkeit / Nico Rost ; aus dem Holländischen übersetzt von Edith Rost-Blumberg
Entstehung
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24. Juli

Gestern abend noch lange wach gelegen und an Gerrit ge­dacht. Einige Freunde waren nämlich der Ansicht, er wäre zu sehr Parteimann gewesen. Ein merkwürdiger Vorwurf: Zu sehr Parteimann!

Er bemühte sich allerdings ständig um die Verwirklichung sei­ner Ideale, arbeitete für die Unschädlichmachung aller der­jenigen Mächte, die einer glücklicheren Zukunft der Mensch­heit im Wege stehen. Darin sah er seine Lebensaufgabe, und seine ganze Energie war darauf gerichtet, die Durchführung zu beschleunigen. Niemals hat er sich Ruhe gegönnt, nie seine geringen körperlichen Kräfte geschont, und nun hat er sein Leben dafür hingegeben. Für Gerrit war die Partei etwas sehr Ernstes und Wichtiges- ernster und wichtiger als die mei­sten anderen Dinge im Leben.

Ob sie das wohl auch für diejenigen ist, die ihn ,, zu sehr Parteimann" fanden?

Abends

Ein weiterer Unterschied zwischen Gerrit und einigen von uns bestand auch darin, daß er es ablehnte, diese Lagerperiode als eine ,, Ruhepause" zu betrachten, in der man den Kampf einstellen könnte. Manche hat er gleichsam dazu gezwungen, von den hier vorhandenen Möglichkeiten zum Weiterkämpfen Gebrauch zu machen. Diejenigen, die meinten, es genüge, sich mit der eigenen Misere zu beschäftigen und an das Zuhause zu denken, machte er darauf aufmerksam, daß wir auch hier eine Aufgabe zu erfüllen hätten. Er wollte nach Kräften mithel­fen, das politische Bewußtsein unserer Schicksalsgenossen weiter zu entwickeln, und sein ganzes Streben galt der Sorge für die ,, Jungen". Er war in der Tat voll und ganz ein ,, Parteimann" im besten Sinne dieses Wortes! Und er hat auch stets die damit verbundene Verantwortung tief empfunden; er wußte, daß sie zwar oft schwer, aber immer etwas sehr Kostbares war. Ohne ihn wird es für uns alle hier noch viel schwerer werden.

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