zurütteln und gleichgültig Gewordene wieder zum Denken an
zuregen.
Bei uns ist Lichtenberg fast unbekannt, und selbst die Deut schen besitzen noch nicht einmal eine vollständige Ausgabe seiner sämtlichen Werke, aber Goethe und Schopenhauer, Tol stoi und Stendhal sowie viele andere schätzten ihn außerordentlich, verehrten ihn sogar.
Schon zu seiner Zeit, vor zweihundert Jahren, war er gezwungen, beinahe illegal zu schreiben. Er brauchte zwar nicht ,, unterzutauchen" er war sogar Mathematikprofessor in Göttin gen , aber er konnte nicht publizieren, was er wollte.
-
,, Während man über heimliche Sünden öffentlich schreibt, habe ich mir vorgenommen, im geheimen über öffentliche Sünden zu schreiben" steht in einer seiner Schriften. Und auf diese Art und Weise hat er auch sehr viel erreicht.
,, Mit der Feder in der Hand"- notierte er- ,, habe ich mit gutem Erfolg Schanzen erstürmt, von denen andere, trotz Schwert und Bannfluch, zurückgeschlagen wurden."
Ich entsinne mich noch an einige andere Aussprüche von ihm, die mir höchst aktuell erscheinen, zum Beispiel:
,, Ich möchte was darum geben, genau zu wissen, für wen eigentlich die Taten getan worden sind, von denen man öffentlich sagt, sie wären für das Vaterland getan worden." Oder wenn er- 1794! schreibt:
-
,, Ach Gott , ich mag fast die Zeitungen gar nicht mehr lesen. Wer hätte denken sollen, daß mitten in Europa eine Räubernation entstehen würde, mit der, wenn sie glücklich ist, die übrigen Staaten Krieg und Frieden so beschließen und schlieBen werden müssen wie mit Tunis und Algier ..."
Und wer denkt nicht sofort an die Goebbels- Presse, wenn er bei Lichtenberg liest:
,, Ich habe mir die Zeitungen vom vorigen Jahr binden lassen, es ist unbeschreiblich, was das für eine Lektüre ist: fünfzig Teile falsche Hoffnungen, siebenundvierzig Teile falsche Prophezeiungen und drei Teile Wahrheit."
Ich glaube, im„, VB" sind selbst diese drei Teile Wahrheit nicht mehr zu finden...
41


