13. Juli
Solange ich noch hier im Revier liege und noch die Möglichkeit zum Schreiben habe, will ich nachprüfen, was ich bis zu meiner Verhaftung getan habe. War mein Widerstand so, wie ich es mir immer vorgenommen hatte oder war er nicht stark genug?
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Ich will versuchen, mir diese Jahre möglichst genau ins Gedächtnis zurückzurufen und mich bemühen, ein ehrlicher Richter zu sein.
Wie hat es angefangen? Von meiner Vorliebe für die deutsche Literatur getrieben, habe ich mich seit 1933 beinahe mit den emigrierten deutschen Schriftstellern identifiziert, habe ihre Sache zu der meinen gemacht, Dutzende von Artikeln über sie und zu ihren Gunsten geschrieben, Proteste und Aufrufe, Vorlesungen und Versammlungen organisiert. Ihre Sache verteidigen, war für mich gleichbedeutend mit dem Kampf gegen den Faschismus. Meine deutschen Freunde waren die ersten, die gegen ihn kämpften, deshalb waren meine Sympathien gerechtfertigt. Sie haben durch ihre Emigration- die große Linie der deutschen Literatur, fortgesetzt.
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Ich habe mich dann mehr noch als früher in die deut schen Klassiker vertieft und angefangen, sie mit anderen Augen zu lesen. Dadurch habe ich noch deutlicher erkannt, daß Goethe und Schiller, Herder und Hölderlin noch leben werden, wenn alle Bindings und Johsts, alle Dwingers und Bluncks schon längst vergessen sind. Es gibt nämlich eine bleibende deutsche Literatur, und es gibt eine Naziliteratur, die schnell genug verschwinden wird.
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Warum, dachte ich, sollen wir nicht auch unter der Besetzung nun, da Bücher so gesucht sind und soviel aus dem Deut schen übersetzt werden muß- Lessing oder Hölderlin , Goethe oder Lichtenberg lesen? Doch hundertmal lieber einen aus dem Deutschen übersetzten, ehrlichen Wiechert, als einen faulen Eekhout! Lieber eine aus dem Deutschen übersetzte Ri carda Huch , deren Bücher Zeugnis ablegen von tiefer Ehrfurcht vor dem Menschen, und die niemals mit den Nazis pak
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