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Goethe in Dachau : Literatur und Wirklichkeit / Nico Rost ; aus dem Holländischen übersetzt von Edith Rost-Blumberg
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einem Theologen, der immer nur steif und formell ist, kann ich nun einmal nicht recht auskommen, auch wenn er es viel­leicht noch so gut meint.

8. Juli

Die Polen sind hier verhaßt. Ich kann das nachempfinden, denn ich selbst kenne auch nur sehr wenige polnische Häft­linge, die mir sympathisch erscheinen. Die meisten sind mit­leidslos und eingebildet, herrschsüchtig und dünkelhaft. Die besten Helfer der SS. Oft versuche ich zu ergründen, warum sie sich so unsolidarisch benehmen und glaube, daß ich die Ursache teilweise wenigstens- gefunden habe: Ihr Vater­land hat am schwersten gelitten, Hunderttausende ihrer Lands­leute wurden ermordet, die wenigsten wissen, was aus ihren Familien, ihren nächsten Angehörigen geworden ist. Außer­dem sind sie schon sehr lange im Lager und haben auch hier besonders schwere Zeiten durchmachen müssen. Das hat sie wohl so hart werden lassen. Während ich diese Erklärung niederschreibe, fühle ich selbst, daß sie ungenügend ist, denn viele Deutsche, die auch schon jahrelang im KZ sind, reagie­ren ganz anders.

Die meisten Polen in Dachau sind übrigens sehr reaktionär, antisemitisch und antirussisch eingestellt. Eigentlich polnische Faschisten. Auf jeden Fall die schlechtesten Repräsentanten ihres Landes.

Das polnische Volk in seiner Gesamtheit kann nicht so sein. Die polnischen Grubenarbeiter in Nordfrankreich und in der Borinage, die ich kennengelernt habe, waren nicht so, auch die anderen polnischen Emigranten nicht, und schon gar nicht die polnischen Sozialdemokraten und Kommunisten. Kosciusko, ihr Freiheitsheld, der Kampfgefährte Lafayettes, Dombrowski, der polnische Heros der Pariser Kommune , Mick­lewicz, Slowacki, Zeromski und ihre anderen Dichter sind nicht so gewesen, ebenso wenig wie ihre jüngeren Autoren, deren Werke ich vor dem Kriege las. So waren auch die

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