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Goethe in Dachau : Literatur und Wirklichkeit / Nico Rost ; aus dem Holländischen übersetzt von Edith Rost-Blumberg
Entstehung
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sten des dialektischen Materialismus, denn ich sehe Hegel vor allem im Zusammenhang mit Marx. In unseren Diskussionen war Telders stets der Stärkere, er war aber auch großmütig; er half mir sogar, wenn eines meiner Argumente ihm richtig schien, und ging dann sehr ausführlich darauf ein. Noch sehe ich sein eigentlich immer etwas ironisches Lächeln, als ich sagte, er sei zwar ein bedeutend besserer Hegel - Kenner, aber ich bliebe dennoch bei meiner Behauptung, daß viele Anhän­ger dieser idealistischen Philosophie in Holland zu Pionieren einer faschistischen Ideologie geworden seien. Wochenlang haben wir über diese Probleme debattiert, bei­nahe jeden Morgen vor dem Appell- oft sogar auch noch während des Appells- und haben unsere Gespräche dann abends nach der Arbeit fortgesetzt.

Wie tief betrübt war er, als wir in Vught erfuhren, daß Hes­sink gestorben sei. Er nannte ihn den bedeutendsten Hege­lianer und seinen Tod bezeichnete er als einen schweren Ver­lust für unser Land.

Wir waren in Vught unzertrennlich, und darum vermisse ich ihn doppelt. Das erstemal traf ich ihn in der Quarantäne, einen Tag, nachdem er aus Buchenwald gekommen war- froh, wieder in Holland zu sein. Wir hatten sofort miteinander Kon­takt und sind von da an soviel wie möglich zusammengeblie­ben. Bis zum 24. Mai. Eine Stunde vor dem Appell wußten .wir bereits, daß an diesem Tage ein großer Transport nach Deutschland gehen würde. Er gab mir noch Namen und Emp­fehlungen für den Fall, daß ich vielleicht ohne ihn in Buchen­ wald landen sollte. Wir standen nebeneinander auf dem Appell­platz, als die Nummern für den Transport aufgerufen wur­den. Wie stets, völlig willkürlich, ohne bestimmte Richtlinien, ohne System. Er blieb und ich bin nun hier.

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Er winkte lange und ermutigend, als wir Abschied nahmen. noch Ich habe unterwegs neben Eddy im Viehwagen dauernd daran denken müssen. Das ist nun genau einen Mo­nat her. Er wird wohl noch bei Philips sein. Er hat verspro­chen, später Hegels ,, Aesthetica" mit mir durchzuarbeiten, und ich freue mich schon jetzt darauf.

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