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Goethe in Dachau : Literatur und Wirklichkeit / Nico Rost ; aus dem Holländischen übersetzt von Edith Rost-Blumberg
Entstehung
Seite
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18. Juni

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Ich liege noch immer in Stube I, Baracke 9( Revier). Auf der anderen Seite des Grabens hinter Baracke 30 scheint das Krematorium zu sein. Auch eine Gaskammer soll es da geben, sagt man...

In Stube IV liegen Geisteskranke. P. erzählt, daß sie oft ge­schlagen werden und daß einige in Zwangsjacken stecken. Alle drei Monate wird diese Stube leer gemacht, und alle In­sassen gehen auf ,, Invalidentransport". Manche sagen nach Lublin , andere meinen, daß sie bereits auf dem Wege ,, er­ledigt" werden, und wieder andere behaupten, daß man ihnen schon auf Stube IV eine ,, Spritze" gibt.

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Ich weiß nicht, was dort drei Säle von hier entfernt ge­schieht...

19. Juni

Wenn ich über der Tür den Käfig mit unserem Kanarienvogel sehe und auf dem Tisch das gefüllte Goldfischglas, muß ich immer án Carl von Ossietzky denken, der einmal die Straf­methoden der Nazis als ,, das System des desinfizierten Mar­terpfahls" gekennzeichnet hat.

Hier im Revier sieht man wieder, wie treffend diese Charak­terisierung ist: Völlig unzureichende Ernährung, keine Medi­kamente, gänzlich ungenügende Pflege, alles um uns wissent­lich und mit voller Absicht krepieren zu lassen- aber Gold­fische und Kanarienvögel in jeder Stube!.

20. Juni

Die Idylle hat ein Ende!

Heute haben wir auch hier im Revier die Wirklichkeit von Dachau zu sehen bekommen: Es traf ein großer Transport ein, von dem unterwegs viele gestorben zu sein scheinen.

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