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Goethe in Dachau : Literatur und Wirklichkeit / Nico Rost ; aus dem Holländischen übersetzt von Edith Rost-Blumberg
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dann läuft man Gefahr, auf Invalidentransport geschickt zu werden, und das dürfte wohl den sicheren Tod bedeuten, wenn wir auch nichts Genaues darüber wissen.

Nach diesem Gespräch mußte ich an die Worte von Maxi­ mus Tyrius denken: ,, Hier siehst du nun den Passionsweg, den du Untergang nennst, der du nach dem Wege derer ur­teilst, die schon auf ihm fortgegangen sind; ich aber sehe Ret­tung, da ich nach der Folge derer urteile, die da kommen wer­den." Vor vielen Jahren habe ich diesen Ausspruch in einem Buch von Gustav Landauer gefunden, und er hat mich so be­wegt, daß ich ihn im Vorwort meiner kleinen Schrift ,, Kunst und Kultur in Sowjetrußland"( 1924) zitierte.

Ein prachtvolles Wort, an das ich mich immer erinnern will, wenn ich einmal kleinmütig werden sollte.

15. Juni

Im Nebenbett liegt ein ,, Neuer". Eine Art Michael Kohlhaas , doch gutmütiger und sentimentaler als sein klassisches Vor­bild aus Kleists Novelle.

Er ist von Beruf Bäcker, wohnte in Köpenick bei Berlin , und ist nun wie er mir erzählte bereits zum zweiten Male für das gleiche Vergehen hier.

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,, Ich habe nämlich Kuchen gebacken aus einer besseren Mehl­sorte als offiziell erlaubt war, und mit Eiern. Nicht etwa, um mehr zu verdienen, aber sie waren für die Front bestimmt, und da konnte ich doch keine schlechten Kuchen schicken las­sen. Ein Jahr habe ich deswegen bekommen. Dann wollten sie mich freilassen, doch ich sollte versprechen, mich in Zu­kunft genau an die Vorschriften zu halten; das habe ich ab­gelehnt. Im Gegenteil, ich habe der Gestapo erklärt, daß ich doch wieder Eier und das beste Mehl in die Kuchen tun würde, weil ich den Frauen, die zu mir kommen, um etwas Gutes für ihre Männer an der Front zu kaufen, keinen Dreck andrehen will.

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