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Goethe in Dachau : Literatur und Wirklichkeit / Nico Rost ; aus dem Holländischen übersetzt von Edith Rost-Blumberg
Entstehung
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Hier macht alles einen völlig unwirklichen Eindruck: die Ruhe, das Glas mit den Goldfischen, die helle Sonne und sogar die Pfleger, die nun- während der ,, Mittagsruhe"- in der schma­len Blockstraße vor meinem Fenster- Handball spielen!

Nach dem Appell

Das Glück scheint mir auch weiterhin treu zu bleiben! Denn zehn Betten von mir entfernt liegt M., ein Deutscher, ein politischer Emigrant, den ich in Brüssel häufig sah. Er ist bereits seit 1942 in Dachau , hat vorher ein Jahr in Sieg­ burg gesessen und liegt hier nun schon über sieben Wochen; mit Magengeschwüren. Er ist so abgemagert, daß ich ihn an­fangs nicht erkannte.

M. scheint bereits heute nachmittag mit dem Stubenpfleger, einem österreichischen Schutzbündler aus Wien - Ottakring , über mich gesprochen zu haben, denn der wurde auf einmal viel netter, brachte mir Breikost und versprach sogar, aus der Kantine Papier für meine Notizen zu besorgen.

11. Juni

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Als ich heute früh Dr. H., einen unserer holländischen Ärzte, bat, mir aus der Lagerbibliothek die ich als Patient nicht benutzen darf ein deutsches Buch, möglichst einen Band Goethe oder Lessing , mitzubringen, lehnte er ab: ,, Ein fran­zösisches oder englisches Buch- gern", meinte er ,,, aber kein deutsches!"

Sein Standpunkt erscheint mir borniert und völlig falsch. Das habe ich ihm auch gesagt und dann gefragt, ob er, als Psychoanalytiker, sich denn vielleicht weigere, Freud zu lesen, der ja seine Werke ebenfalls deutsch geschrieben hat.

Im Laufe der Debatte zitierte ich Stalins Worte: ,, Die Hitler kommen und gehen, aber das deutsche Volk, der deutsche Staat bleibt." Also auch Klassiker wie Goethe und Lessing ...

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