Druckschrift 
Goethe in Dachau : Literatur und Wirklichkeit / Nico Rost ; aus dem Holländischen übersetzt von Edith Rost-Blumberg
Entstehung
Seite
13
Einzelbild herunterladen

Dachau , 10. Juni 1944

,, Die alte Erde steht noch, und der Himmel wölbt sich noch über mir!"

Ein Ausspruch Goethes, der mir soeben einfiel. Ich habe ihn früher einmal gelesen wenn ich mich nicht irre, in seinen ,, Gesprächen mit Eckermann"-, doch ohne mir eigentlich viel dabei zu denken. Erst jetzt und hier in Dachau , im Revier, mit der Wunde am Bein, fange ich an, die tiefe Bedeutung dieses Wortes zu begreifen.

Solange es noch ist, wie Goethe sagt, ist nichts verloren; so­lange habe ich noch einen Halt, stehe ich noch mit beiden Füßen fest auf der Erde und kann mit Vertrauen der Zukunft entgegensehen.

Solange ist kein Grund zum Verzweifeln.... Goethe hat wie­der einmal recht, und ich bin ihm dankbar dafür..

-

Ich habe ja auch bis jetzt- trotz Forest, Scheveningen und Vught noch immer Glück gehabt. Mein Bein schmerzt zwar, doch den Abszeẞ möchte ich nicht missen, denn er schützt mich nicht nur vor einem eventuellen ,, Transport", sondern auch vor jedem schweren Kommando. Solange bin ich hier vorläufig in Sicherheit, brauche keinen Appell mitzumachen und kann sogar lesen und... schreiben!

Wieder in einem richtigen Bett zu liegen, mit weißen Laken, ist an sich schon eine Erholung, besonders nach den vierzehn Tagen Quarantäne.

-

Hier ist es so ruhig, daß es mich beinahe unruhig macht. Die Krankenstube ist eine Welt für sich. Vom Lager ist hier fast nichts zu merken nur das Pfeifsignal zum Appell und danach das Schlurfen und Scharren von vielen tausend Füßen. Von meinem Bett aus kann ich eine der anderen Baracken des Reviers sehen: Baracke 5. Der Pole, der über mir liegt, behauptet, daß dort Versuche gemacht werden, an denen viele sterben; durch das offene Fenster drüben ist jedoch nichts Besonderes zu erkennen: nur Betten, genau wie bei uns, und auch ein Goldfischglas, in dem sich jetzt die Sonne spiegelt.

13