len. Manchmal wird der Leser so tief in den literarischen oder philosophischen Streit hineingerissen, daß er selbst die Leichen vergißt, die sich um die Streitenden häufen, wie die Streitenden selbst ihre Umgebung vergessen müssen, um von Todesahnungen nicht infiziert zu werden. Das ganze Gewicht des Berichtes liegt aber darauf, daß jeder Wortstreit, jede Seite Lektüre, jede Zeile des Buches dem Tod schwer abgerungen
war.
Obwohl Nico Rost in diesem Buch noch mehr als früher in seinem Leben sein möglichstes tut, um im Hintergrund zu bleiben, kann er doch nicht verhindern, daß das gleiche kristallklare Licht, das Licht der unbestechlichen Wahrheit, das die Geister sondiert und sondert, wie es eben nur in Dachau unter solchen Umständen möglich war, auch auf sein eigenes Individuum fällt, wie sehr er es auch in den Schatten der Ereignisse einschmuggelt. Er kann auch nicht hindern, daß wer ihn kennt, den Kopf schüttelt und denkt: das ist also Nico. Unser Nico. Derselbe Nico, der lange draußen bei Oranien burg mit seinem kleinen Jungen wohnte. Alfred Döblin , Arzt in Berlin , kam einmal heraus, als das Kind plötzlich krank wurde. Als Rost in die Karpaten fuhr, verbrachte Kisch einen Tag mit dem Jungen, um seinem besorgten Vater eine gründliche Reportage zu schicken. Rost hat die besten antifaschistischen Schriftsteller seit langem in Essays seinem Volke vorgestellt. Er hat ihre Bücher ins Holländische übersetzt. Wir aber, wenn wir uns dann und wann in einer Hauptstadt Euro pas trafen, oder auf einer Kongreßfahrt, wir fühlten uns sorglos und arglos wie Schulkinder auf einem Ausflug, die weit von der letzten grimmigen Prüfung entfernt sind. Wir waren fröhlich. Die Ahnung von der Kürze des Lebens vermischte sich mit der Zuversicht, daß der Tod noch ruhig auf uns warten kann. Erst durch dieses Buch, Nico, öffnest du viele Fächer in deiner reichen, aus Scheu oder Gleichmut verschlossenen Vorratskammer von Wissen und Kenntnissen. Erst durch dieses Buch erfahren wir, was aus gewissen Menschen geworden ist, die gewisse Wegstrecken mit uns teilten. Der kleine Chauffeur, der uns im Bürgerkrieg von Valencia nach Madrid
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