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Geopfertes Volk : der Untergang des polnischen Judentums / M. Chersztein ; deutsche Übertragung von Jolanta Münch
Entstehung
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Der Zeuge Anton Daciuk, geb. 1921 in Utschling, früher Offizier der Sowjet- Armee, Kriegstechniker dritten Ranges, war zu der Zeit noch in der Sowjet- Armee als die Massenvernichtungen der Juden vor sich gingen. Die Einzelheiten kennt er aus dem Nachrichtendienst, dessen Berichte ihm als Militärperson zugänglich waren, und aus den Aus­sagen von Zeugen, mit denen er während seiner Gefangenschaft zu­sammenkam.

Mit wenigen Ausnahmen gab es in Rußland kein Ghetto. Der Groß­teil der jüdischen Bevölkerung war beim Rückzug der Sowjetarmeen ins Innere Rußlands geflohen. Der Rest, der nicht rechtzeitig fliehen konnte oder eingekesselt wurde, ging tragisch zugrunde.

Alle sowjetischen Soldaten, die in Gefangenschaft fielen, mußten sich nackt ausziehen und wurden untersucht, ob sie beschnitten waren. Dabei war eine Kommission von tatarischen Polizisten zugegen, die prüfte, ob alle, die sich als Tataren ausgaben, auch die tatarische Sprache kannten. Wer tatarisch konnte, blieb am Leben, die anderen wurden erschossen.

KIEW

Im August 1941 besetzten die Deutschen Kiew . Unter Androhung der Todesstrafe wurden alle Juden gesammelt. Sie wurden auf die Hauptstraßen von Kiew gebracht, wo die Leichen erschossener Solda­ten lagen, und mußten sie begraben. Nach der Arbeit kehrte die Hälfte der Leute nach Hause zurück, die andere Hälfte, etwa fünftausend Menschen, wurde von SS - Männern am Dniepr erschossen. Am nächsten Tage fuhren Lastkraftwagen durch die Straßen, sammelten jüdische Fa­milien und brachten sie nach außerhalb, wo sie erschossen wurden. Der Zeuge sah es selbst, wie die Deutschen kleine Kinder, die noch nicht fähig waren zu gehen, am Arm und Bein packten und sie auf Lastkraftwagen warfen. Die Kinder brachen dabei sofort Arme und Beine. Nach dem Ausrotten aller Juden begannen die Deutschen an verschiedenen Stellen, wo Panzerabwehrgräben von den Kriegshand­lungen übrig geblieben waren, die Judenmischlinge bis zum dritten Grade einschließlich zu erschießen. In Kiew hatte es etwa fünfzehn­tausend Juden gegeben. Nur einzelne unter den Tausenden konnten sich zu Partisanen- Abteilungen retten.

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