Dann war zwei Monate lang alles ruhig. Eines Nachts sahen die Einwohner der Stadt einen Feuerschein. Das Ghetto war angezündet worden. Die Leute, die aus den brennenden Häusern flüchteten, wurden erschossen. Dies ging von halb zwölf bis zwei Uhr nachts. Betrunkene Deutsche waren auf den Straßen und starrten die Schrecken wie ein wundersames Schauspiel an. Unzählige Juden kamen damals ums Leben, das Ghetto wurde um die Hälfte verkleinert.
Bald daraufhin begann das Einfangen der Leute mit den B- Ausweisen. Aber damals wurde eigentlich jeder mitgenommen, der in die Hände der Polizei fiel. Einmal wurden fünfhundert junge Männer angefordert und erschossen. Die Einwohnerzahl des Ghettos betrug zu dieser Zeit etwa vierzehntausend.
Dann wurde das Ghetto geschlossen. Die meisten durften es nicht verlassen, und diejenigen, die hinaus konnten, durften nicht einmal ein Viertelpfund Lebensmittel mitbringen. Es gab nur noch ein Tor, dort hatten die Wachmannschaften Buden, in denen man sich ausziehen mußte und wo man genau untersucht wurde.
Im Ghetto begann eine fürchterliche Hungersnot. Kartoffelschalen wurden zum teuersten Artikel. Auf den Straßen lagen ausgezehrte Kinder. Die Leute starben vor Hunger auf der Straße. Gras wurde gegessen. Es wurde verboten, einzeln zur Arbeit zu gehen. Nur in Gruppen durfte man zur Arbeit, damit der einzelne nicht in christliche Häuser einkehren und dort etwas essen konnte.
Eines Tages holte man aus dem Kahal dreizehn Männer und hängte sie an den Bäumen der Belwederstraße auf. Dort ließ man sie drei Tage hängen. Es waren Leute, die für die Deutschen am eifrigsten gearbeitet hatten. Trotz der Versicherungen, daß das Ghetto bestehen und die Arbeitenden am Leben bleiben würden, wurden eines Tages die Gruppen, die aus der Stadt zurückkehrten, am Tore weggeholt.
-
Im Ghetto waren noch etwa zweitausend Menschen geblieben. Bis zum Schluß blieb der J. O.-D. und die Rohstoff- Erfassung"- diejenigen, die auf den Höfen Altmaterial für Görings Vierjahresplan sammelten.
Die Leute, die man aus der Provinz brachte, wurden in der Mitte der Stadt auf dem Platz gegenüber dem J. O.-D. erschossen und begraben. Es waren so viele Leichen, daß es in der Straße unerträglich stank. Daraufhin kam eine Kommission, die erklärte, daß an dieser Stelle nicht mehr begraben werden dürfte. Die Erde wurde umgegraben und die Leichen auf den Friedhof gebracht. Diese Arbeit mußten ebenfalls Juden ausführen.
Ganz zum Schluß suchte die Gestapo die Leute, die sich in Kellern, auf Dachböden und in Verstecken verborgen hatten, worauf das Ghetto völlig liquidiert wurde.
78


