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Geopfertes Volk : der Untergang des polnischen Judentums / M. Chersztein ; deutsche Übertragung von Jolanta Münch
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hörden angelegt. Dort arbeiteten Männer und Frauen. Die Aufträge mußten pünktlich erledigt und das Material dazu von den Juden ge­liefert werden.

Dann kam die Registrierung der Juden, die straßenweise vor sich ging. Täglich mußten einige Straßen antreten. Bei der Registrierung war eine Kommission von Gestapoleuten zugegen, die das Alter der Per­sonen feststellte und sie in drei Gruppen A, B und C teilte. A und B ließ man mit ihren Ausweisen gehen, C behielt man da. Es war die Kategorie von Menschen, die man für unnötig erachtete. Man sammelte sie in einer großen Mühle, einem großen roten Ziegelbau. Dort waren in einem Saale Männer und Frauen zusammen eingeschlos­Das Kahal schickte Essen, das nur aus, Suppe bestand. Mit den Verwandten konnte man sich nicht verständigen. Jeden Tag kamen mehr dazu, bis ungefähr fünftausend Menschen beisammen waren und es so eng wurde, daß man sich nicht bewegen konnte. Aus dem Saal wurde niemand herausgelassen.

sen.

Nach einer Woche fuhren eines Nachmittags Lastkraftwagen vor dem Gebäude vor. Die Gestapoleute, die zu Pferde gekommen waren, dran­gen ins Gebäude und trieben die Leute mit Peitschenschlägen auf den Hof, wo sie auf Wagen verladen wurden. Diejenigen, die auf den Wagen keinen Platz mehr fanden, wurden zu Fuß zum Bahnhof gejagt. Wer nicht mitkommen konnte, wurde unterwegs erschlagen, so daß der Weg mit Blut überströmt war. Dies war die zweite Massenaktion, bei der 6000 Menschen umgebracht wurden.

Bald darauf fing die Kinderaktion an. Aus dem Waisenhause wurden alle Kinder weggeholt. Die jüdische Polizei bekam in der Nacht den Befehl, alle Kinder aufzuwecken. Die Säuglinge wurden in Säcke ge­packt, die oben nicht zugebunden waren und auf Wagen verladen und dann in Eisenbahnwaggons gesteckt. Weit hörte man das Geschrei und das Weinen der Kinder.

Am selben Tage wurde befohlen, alle Greise und Gebrechlichen in die Mühle zu bringen, mit der Drohung, daß alle Einwohner eines Wohn­blocks erschossen würden, in dem eine dieser Personen später gefunden würde. Die Kinder mußten ihre eigenen alten Eltern in Wägelchen zur Mühle bringen. Dort hörte man Schüsse. Im Morgengrauen wurden Juden hingeschickt, die die Leichen sammeln mußten. Diese Mühle wurde zur Vernichtungsstätte. Sie bekam den Beinamen die rote Mühle" nicht der roten Ziegeln, sondern des vielen dort vergossenen Blutes wegen.

"

Dann brachte man die Leute aus der Provinz dorthin und liqui­dierte sie. Darunter waren einzelne sehr reiche Juden. Der Fußboden war mit Dollars bedeckt. Die Deutschen nahmen alles weg. Das Wasser teilten sie den Verhafteten so kärglich zu, daß ein Glas Wasser zehn Dollar kostete.

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