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Geopfertes Volk : der Untergang des polnischen Judentums / M. Chersztein ; deutsche Übertragung von Jolanta Münch
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die Bevölkerung geglaubt hatte, daß sie umgesiedelt würde, hatte jeder das Wertvollste an Kleidung und Kostbarkeiten mitgenommen. Es wurde sogleich eine Anzahl erschossen und alle mit dem Tode bedroht, die ihre Wertsachen nicht abgeben würden. Die Leute glaubten, daß sie sich damit vom Tode retten könnten und gaben alles ab. Dann befahl man ihnen, sich nackt auszuziehen und in die Gräben zu steigen. Dort erschoß man sie. Über die noch Lebenden und Sterbenden wurde eine dünne Schicht Erde gestreut und die nächste Gruppe gebracht.

Viele der ortsansässigen Deutschen kamen, und manche holten ihre Bekannten aus den Scharen der Unglücklichen heraus. Zum Schluß fing man an, die Leute auf der Straße einzufangen. Alle Passierscheine und Ausweise wurden zerrissen. Ein Gestapomann erkannte eines der Mitglieder des Gemeinderates, wollte ihn freilassen und sagte: Sie können nach Hause gehen-" Dieser, ein deutscher Jude, riß sein Hemd auf und sagte: Ich will mein Leben nicht zurück haben von solchen Räubern"! Daraufhin zog der andere seine Pistole und erschoß ihn. So ging es den ganzen Tag. Die Leute wurden verladen und um­gebracht.

Nach fünf Uhr ließ man die übrigen über die Mauer springen und flüchten. Aber allgemein glaubte man, daß diese Aktion tagelang dauern würde. Man fürchtete sich, an den nächsten Tagen die Straße zu betreten.

Die Zeugin Jula Wajselberg, geb. 16. 4. 1922 in Stanislau , wohnhaft Zulawskiego 6, saß mit ihrem Gepäck im Haus. Wenn die Aktion noch eine halbe Stunde länger gedauert hätte, wäre auch sie ihr zum Opfer gefallen. Manche deutsche Frauen haben ihr Bedauern ausge­drückt, daß solche Greuel geschehen. Alte deutsche Frauen aus dem Soldatenheim, das eben gegründet worden war, weinten und verbargen zwei Jüdinnen. Nach dieser Massenaktion herrschte eine Zeitlang Ruhe. Doch wurden täglich einige Leute aus unbekannten Gründen verhaftet, die dann spurlos verschwanden.

Die Deutschen verhafteten auch besonders hübsche Jüdinnen. Einige Frauen, die ihnen weniger gefielen, ließen sie später frei. Fünf Monate lang herrschte relativ Ruhe. Die Leute begannen sich zu beruhigen. Aus den Wohnungen der Erschossenen holten die Deutschen die Möbel. Schließlich wurde das Ghetto gebildet. Die Hauptstraßen des Ghettos waren: Batorego, Kazimierzowska und die Halicka- Straßen, deren linke Seite zum Ghetto gehörte, die rechte war christlich. Alle Fenster mußten mit Brettern vernagelt werden. Ein Zaun schloß alles ein. An den drei Toren hielt deutsche und ukrainische Polizei Wache. In der Belweder­straße befand sich die jüdische Gemeinde, das Kahal und der J. O.-D. Der Kommandant des J. O.-D. war Leutnant Celler. Die J. O.-D. war nicht uniformiert und trug Mützen mit gelben Streifen.

Anfangs konnten die Leute mit Passierscheinen das Ghetto verlassen. Verschiedene Werkstätten wurden zur Bedienung der deutschen Be­

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