Druckschrift 
Geopfertes Volk : der Untergang des polnischen Judentums / M. Chersztein ; deutsche Übertragung von Jolanta Münch
Entstehung
Seite
75
Einzelbild herunterladen

Nach dem Rückzug der Sowjet- Armeen wurde Stanislau von ungari­schen Truppen besetzt, die die Juden gut behandelten. Im ungarischen Heere gab es viele jüdische Ärzte und Sanitäter, die der jüdischen Be­völkerung oft geholfen haben. Nach kurzer Zeit jedoch zogen sich die Ungarn zurück; als ihre Abteilungen noch in Kolomyja standen, wurde die Stadt von deutschen Truppen besetzt.

Anfangs durften die Juden noch in ihren alten Wohnungen bleiben. Die Stadtverwaltung der jüdischen Gemeinde wurde eingerichtet. Im größten Hotel der Stadt, im Union" befand sich die deutsche Orts­kommandantur. Von dort wurden im Kahal männliche und weibliche Arbeitskräfte zum Reinigen verschiedener Gebäude angefordert. Die Bevölkerung trug am rechten Arm eine weiße Armbinde mit dem Zionsstern.

Die jüdische Intelligenz mußte jeden Morgen die Straßen kehren und Abfälle sammeln, mit Schaufeln und Besen marschierten sie die Hauptstraßen entlang und wurden von der Bevölkerung beschimpft.

и

Gleich am Anfang wurden die freien Berufe registriert: Ärzte, Advo­katen, Lehrer, Professoren, Priester. An einem bestimmten Tage kam der Befehl, sich im Kahal" zur Sitzung einzufinden. Die Advokaten soll­ten ihren Strafrecht- Kodex mitbringen. Ohne eine Ahnung davon, was sie erwartete, gingen sie hin in der Meinung, sie bekämen Beschäf­tigung. Aber sie wurden alle auf Lastkraftwagen verladen und mit unbekannter Bestimmung fortgebracht. Einige Monate später erfuhr man, daß sie im Wagen halbnackt und zusammengekauert unter Eskorte von SS - Leuten und ukrainischer Miliz fortgebracht worden waren. In der Nähe eines Waldes wurden sie erschossen. Wer nicht zu der Sitzung gekommen war, blieb am Leben.

Bald darauf begann die erste Massenaktion in der Stadt. Die ukrainische Polizei und die SS. gingen von Haus zu Haus und sammelten die Juden. Die Familien wurden mit den Kinder auf Autos verladen und zum Rathaus gebracht, wo man einen Transport zusammenstellte, der dann zum Friedhof gebracht wurde. Die Vorsichtigen nahmen bei­zeiten die Armbinden ab und flohen aus der Stadt oder versteckten sich. Die anderen mußten Gruben graben. Maschinengewehre. wurden auf­gestellt. Die Deutschen, die schwer betrunken waren, verlangten, daß jeder sein Gold, alle Wertsachen und Geld abzugeben habe. Sie be­stimmten einige junge Mädchen, die alles einzusammeln hatten.

75

Da