Beim Lager wohnte mein Kollege, der Schuster Jan Plasczyk. Ich trat in seine Wohnung. Als er mich sah, wollte er seinen Augen nicht trauen, denn er hatte mich beim Abtransport in den Waggons gesehen. Er umarmte mich, küßte mich und nahm schweigend einen Topf mit heißem Wasser vom Herd, steckte mich ins Nebenzimmer, damit ich mich waschen konnte. Dann machte er das Bett und hieß mich ausschlafen. Als ich erwachte, brachte er mir ein gutes Frühstück. Er war Junggeselle und wohnte mit seinen Eltern zusammen. Ich schlief bei ihm bis zum Abend. Dann weckte er mich zum Nachtmahl. Nach dem Abendessen sagte er mir unter Tränen, daß ich nicht länger bei ihm bleiben könne. Wenn jemand es erfahren würde, werde er angezeigt und alle kämen dann um: er, seine Eltern und seine Braut. Er habe ein Herz, aber er könne mich nicht behalten. Er riet mir, auf den jüdischen Friedhof zu gehen. Dort seien Grabkapellen, in denen man hausen könne. Das Essen würde er mir bringen. Ich weinte vor Elend, nahm dankend Abschied und ging dann zu unserem Facharbeiterlager. Ich stahl mich durch den Stacheldraht, trotzdem zwei SS- Männer und Schutzpolizei Wache standen. Die Zurückgebliebenen staunten mich an und überfielen mich mit Fragen: Durch welches Wunder ich aus dem verschlossenen Waggons, wie aus dem Jenseits, entflohen sei. Aber auch sie sagten, daß ich nicht im Lager schlafen dürfe. Denn wenn die Kontrolle käme, wären sie alle verloren. Sie würden mir Lebensmittel geben, aber ich müßte mir eine Unterkunft im Freien suchen. Als ein Kollege das hörte, blinzelte er mir zu und winkte mir, mit ihm hinauszugehen. Dort schlug er mir vor, mit ihm in seinem Bett zu schlafen. Er ließ mich heimlich wieder hinein, keiner sah mich. Ich schlüpfte in sein Bett. Als die Kontrolle kam, wagte er es, zu sagen, daß niemand da sei.
Morgens brachte mir dieser Kollege einige Lebensmittel, machte daraus ein Paket und führte mich um fünf Uhr früh aus dem Lager. Ich ging wieder zu meinem Bekannten, dem Schuster. Bis zum Abend konnte ich in seinem Zimmer bleiben. Am Abend kehrte ich ins Lager zurück.
Dort sagte man mir, daß es vielleicht möglich sei, mich wieder im Lager legal aufzunehmen, aus dem einfachen Grunde, weil man vergessen hatte, einen Schäftemacher im Lager zu lassen. Tatsächlich erstattete man dem deutschen Kommandanten Bericht, und der Kommandant ließ mich herbeibringen. So wurde ich wieder im Lager aufgenommen, wo ich bis August 1943 blieb.
Nach der deutschen Niederlage bei Stalingrad verbesserte sich unsere Lage etwas. Unser Lagerleiter, ein SS- Mann, hatte einen Radioapparat in seinem Büro, zu dem wir uns Nachschlüssel beschafft hatten. Diesen benützten wir zum Abhören ausländischer Sender. Aus diesen Nachrichten erfuhren wir, so wie wir es übrigens selber annahmen, daß die Aussiedlungen der Juden nur der Vorwand zur vollständigen Ver
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