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Geopfertes Volk : der Untergang des polnischen Judentums / M. Chersztein ; deutsche Übertragung von Jolanta Münch
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war auch unter den Glücklichen. Als aber dreihundert Personen für die Wagen abgezählt wurden, blieb ich als dreihunderterster zurück. Ich wurde zum Transport der Ausgesiedelten zurückgeschickt. Die Fach­arbeiterkollegen fuhren in Autos nach Skarzysko ab. Wir blieben auf dem Markt bis halb elf vormittags. Dann kam der Befehl, uns zum Bahnhof, der früher Nadbrzezie hieß, abzuführen.

Als wir zum Bahnhof marschierten, wurde befohlen, daß die Fünfer­reihen geordnet bleiben sollten. Wenn einer von den fünf fehlen oder fliehen sollte, werde die ganze Reihe erschossen oder zu Tode geprügelt. Alle mußten sich an den Händen halten, auch die Frauen und die Kinder. Dann wurde befohlen, die Oberkleidung und gute Schuhe abzugeben, da man sie in den Waggons nicht brauche. Schließlich begann das Ab­zählen in die Waggons. Als ich an die Reihe kam, war es halb drei Uhr morgens. Mit Kolben- und Stockschlägen wurde man von den SS- Män­nern in die Wagen getrieben. Keiner konnte richtig einsteigen, jeder stürzte blutig hinein. Waren an die hundertzwanzig Menschen auf diese Art in jedem Waggon, wurden die Türen zugeschoben und die Waggons plombiert.

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Einige Minuten später rief ein junger Mann, daß diejenigen, die sich retten wollten, es jetzt versuchen sollten. Da uns alles gleich war- wir waren ja auf dem Wege zur Vernichtung, versuchten wir, den Waggon aufzubrechen. Wir meinten, der Krieg müsse doch bald zu Ende gehen, so daß wir uns vielleicht bei einem Bauern verstecken und alles über­leben könnten.

Er

In diesem Augenblicke aber setzte sich der Zug in Bewegung. fuhr wie ein Schnellzug mit größter Geschwindigkeit. Einige Wagen am Anfang und am Ende des Zuges waren für die Begleitmannschaft bestimmt, die aus SS- Männern, Letten und Litauern bestand.

Wir sammelten mehrere kleine Messer, die wir während der Durch­suchung in den Stiefeln verborgen hatten und begannen mit ihnen und mit Zähnen und Fingernägeln die Waggontür aufzubrechen. Wir fuhren etliche Kilometer und sahen, daß wir Starachowice und Ostrowiec hinter uns hatten. Um sieben Uhr abends war das Loch so groß, daß man den Kopf durchstecken konnte. Eine halbe Stunde später war es so groß, daß man den Körper durchzuzwängen vermochte. Nun rief derselbe junge Mann namens Mandelbaum Freiwillige auf, als erste hinaus­zuspringen. Einer nach dem andern zwängte sich durch das Loch und sprang. Für die ersten war es sehr schwer, denn wir standen dicht gedrängt. Später wurde mehr Platz. Die anderen, die an die Oeffnung kamen, sahen, daß bei dieser Geschwindigkeit des Zuges das Ab­springen lebensgefährlich und sinnlos war und verzichteten. Ich drängte mich zu dem Loch vor, denn ich war sicher, daß ich bis zum Morgen vor entweder, oder ich Erschöpfung zusammenbrechen würde, also sprang. Ich fiel in einen Schneehaufen, in dem ich versank. Man schoẞ mit Maschinengewehren auf mich, aber ich blieb unverletzt. Als ich die

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