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Geopfertes Volk : der Untergang des polnischen Judentums / M. Chersztein ; deutsche Übertragung von Jolanta Münch
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wurden. Es wurde uns gesagt, daß in Polen vier Judenstädte bestimmt worden seien: Ujazd , Radomsko , Szydlowiec , Sandomir und daß alle übriggebliebenen in diesen Städten wohnen dürften. Das Ghetto wurde neu gebildet. Von den 360 Facharbeitern wurden 240 ausgewählt, 120 wurden ins Ghetto geschickt. Ich ging freiwillig mit in der Hoffnung, daß ich vielleich irgend einen von meiner Familie finden würde. Aber ich suchte vergebens im Ghetto. Ich begab mich zu meinem Schulfreund Redelman, der von der deutschen Behörde als Gemeindesekretär be­stimmt worden war, und wir sprachen uns über unser Schicksal aus. Tatsächlich wurde am 10. Januar desselben Jahres das Ghetto mit Stacheldraht umzäunt, von Schußpolizei und Gendarmerie umstellt und mit Scheinwerfern beleuchtet. In das Ghettogebiet drangen betrunkene SS - Männer, Letten und Litauer ein. Man konnte erkennen, daß sie zu allen Schandtaten bereit waren. Bald fielen Schüsse aus Maschinen­gewehren und schon lagen auf der Straße Tote und Schwerverwundete. Viele flehten, daß man sie vollends töten und nicht weiter quälen solle. Im Gedächtnis blieb mir das Bild eines achtzehnjährigen Mädchens, Poja Cukierman, die schwer verwundet war. Als ein Gendarmerieoffizier vorüberging, schrie sie ihn an: Ich bin schwer verwundet, ich sterbe, aber Euch Barbaren wird die Vergeltung treffen!" Der Offizier zog seine Pistole und tötete sie.

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Am selben Morgen riefen, sie" die SS, Gestapo und Polizei in alle Wohnungen: Alles heraus!" und nach einer gründlichen Durch­suchung brachten sie etwa 7500 Personen zusammen, Männer, Frauen und Kinder. Der Ausgang aus dem Ghetto führte durch die enge Bo­bola- Gasse. Auf beiden Seiten waren Litauer und Letten aufgestellt, die mit Stöcken und Kolben auf uns einschlugen, jeder erhielt Schläge auf den Kopf, in den Nacken und auf den Rücken. Wer nicht hindurch­laufen konnte, wurde erschossen. Über viele Leichen stolpernd, erreich­ten wir den Marktplatz- wo die Übriggebliebenen aus anderen Ort­schaften der Umgebung in Fünferreihen aufgestellt waren.

Es herrschte strenger Frost und es lag Schnee, als ob auch die Natur uns feindlich gesinnt sei. Bis vier Uhr morgens standen wir auf dem Markte. ,, Sie" gingen ins Krankenhaus, versammelten alle Kranken und erschossen sie vor unseren Augen. So warteten wir die ganze Nacht. Der Hauptleiter der Aussiedlung, der SS- Mann Schild, befahl außer­dem, daß jeder sein Geld und seine Wertsachen abzugeben habe.

Während der Aktion kamen einige Lastwagen aus der Pulverfabrik und forderten dreihundert Arbeitskräfte an. Der Leiter der Expedition befahl, den Kräftigsten aus der Menge auszuwählen. Trotzdem jeder wußte, daß man dort nicht lange aushielt, da die Arbeitsbedingungen bei der Pulverherstellung sehr schwer waren und daß es sich nur um einen zeitweiligen Aufschub handelte, drängte sich jeder dazu in der stillen Hoffnung, daß der Krieg inzwischen zu Ende gehen werde. Ich

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