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Geopfertes Volk : der Untergang des polnischen Judentums / M. Chersztein ; deutsche Übertragung von Jolanta Münch
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Ungewissen waren, kamen zu mir, dem Zunftältesten ihres Faches, und baten um Rat, da sie meinten, daß es möglich wäre, die Handwerker und ihre Familien zu retten. Ich begab mich zum Kreisleiter Frick mit der Bitte um Erlaubnis, eine Handwerkergenossenschaft, die für das Militär arbeitet, zu gründen. Er ging darauf ein.

Wir veranstalteten eine Versammlung aller Facharbeiter und be­schlossen, ein Handwerkerlager zu gründen. Wir glaubten, daß wir damit etwas erreichen könnten und daß wenigstens diese Handwerker gerettet werden könnten. Wir wußten, daß es uns nicht erlaubt sein würde, in der Stadt zu wohnen, aber wir nahmen an, daß ein Lager unter SS - Kontrolle und der Aufsicht der örtlichen Militär- und Zivilbehörden gebildet werden würde.

Eines Tages erschien bei mir der deutsche Bezirksleiter von Bülow und teilte mir mit, daß der Kreisleiter ihm den Befehl gegeben habe, ein Lager für Facharbeiter zu bilden und daß das Lager unter seinem Schutz stehen werde. Den genauen Termin der Aussiedlung könnte er noch nicht angeben. Er erklärte, daß man nichts mitnehmen solle, da wir dort nichts brauchten, die Verpflegung würde von ihnen geliefert. Gold und Wert­papiere hatten wir schon ohne Revision abgegeben. Etwas später teilte mir der Bezirksleiter mit, daß sich alle Facharbeiter am 28. oder 29. Oktober- er wisse nicht genau wann( er wollte es aber nur nicht sagen) in der Golebicka- Straße, im polnischen Lyceum versammeln sollten, das er für Facharbeiter vorbereitet habe. Er befahl, daß eine Kommission die besten Facharbeiter aussuchen sollte. Das geschah. Von tausend Facharbeitern wurden 120 aus Sandomir und weitere aus Opatow und Klementow ausgewählt, bei welchen er Geld und Schmuck zuerst abgenommen hat. Uns wurde mitgeteilt, daß der Kreisleiter nur für drei Monate diese Erlaubnis erteilt habe.

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Am 28. Oktober 1942 ließ mich der Bezirksleiter rufen und erklärte mir, er glaube, daß heute eine Strafexpedition zur Durchführung der Aussiedlung komme und daß sich die Facharbeiter abends im Gebäude mit ihren Familien versammeln sollten, da er nicht erlauben könne, daß wir nach Hause zurückkehrten.

Wir handelten dementsprechend. Um vier Uhr früh wurden wir durch Geschrei geweckt. Das Haus, in dem wir übernachteten, war von Militär umstellt. Durchs Fenster sah man SS - Männer, Gestapoleute, Litauer und Letten. Sie befahlen, uns schnell anzuziehen und im Hofe aufzustellen. Sie stellten uns in Fünferreihen auf, die Männer von Frauen und Kindern getrennt. Für Unordnung beim Aufstellen schlugen sie mit Peitschen und Eisenstöcken. Einige Personen wurden erschossen. Die Aussiedlung leitete der höhere SS - Führer Schild, Kommandant des ganzen Bezirkes Radom. Er ärgerte sich über von Bülow, daß er so viele Facharbeiter hatte. Die Liste von dreihundertsechzig war ihm schon zu lang, der Rest müßte zur Aussiedlung in die Stadt zurück. Man

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