gab beim Arzt den Brief ab. Er las ihn durch, und schickte mich in Be-
. gleitung einer Pflegerin zum Bürgermeister, um meinen Paß zu holen.
Auf die Frage, weshalb ich mich als Karaite ausgebe, antwortete ich, ich sei einer, ich hätte deswegen schon in Lida im Gefängnis gesessen, sei dann freigelassen worden und mein Paß sei auf Grund eines Schrei- bens der Gendarmerie des Gebietskommissariates ausgestellt worden. Der Bürgermeister von Iwja gab mir daraufhin einen Brief an den Bür- germeister von Lipniszki. Als ich dort zurückkam, schickte man mich mit einem Schreiben nach Poczern weiter. Dort hatte ich viele Unan- nehmlichkeiten. Man behauptete, ich sei schuld an den Typhus- erkrankungen. Das ganze Dorf wurde für drei Wochen abgeschlossen und mit Stacheldraht umgeben. Unter Todesstrafe wurde verboten, das Dorf zu verlassen. Ich mußte die Quarantäne einen Monat lang mit-
machen.
Man steckte zwei Aerzte in das verseuchte Dorf. Sie sollten darauf achten, daß sich die Seuche nicht ausbreite. Nach Beendigung der Quarantäne ging ich ins nächste Dorf, wo ich nacheinander bei allen Bauern wohnte.
Damals fing man an, die Leute für die Zwangsarbeit in Deutschland zu registrieren. Die Bauern hatten Angst, daß auch sie verschleppt werden könnten, wenn man mich suchte und wollten mich nicht mehr aufnehmen. Nach der Registrierung versteckten sich die zur Zwangs- arbeit Bestimmten gewöhnlich. Wenn dann gesucht wurde, wurde der mitgenommen, der da war. Aus diesem Grunde mußte ich oftmals im
Walde übernachten. Wenn die Menschenjagden am Tage abgehalten
wurden, versteckte ich mich zusammen mit den anderen.
Wir hörten damals von den scharfen Verordnungen gegen die Juden. Alle Juden, die in Lipniszki arbeiteten, mußten nach Iwja und Lida ge- bracht werden. Erst wurden sie registriert, dann wurden sie in beson- dere Bezirke getrieben, die zu Liquidationsorten wurden. In Lida, so- wohl wie in Iwja, wurden sie nach genauer Registrierung ins Ghetto getrieben, das mit Stacheldraht umgeben war. Drei Tage lang wurden dort Menschen durch Maschinengewehrbeschuß umgebracht.
Die polnische Bevölkerung hing zum Zeichen der Trauer schwarze Vorhänge an die Fenster. Ich habe selbst gesehen, wie von der Kommandantur in Lipniszki ein Maschinengewehr zur Erschießung der Juden geschickt wurde, Zugleich wurden große Menschenjagden und Haussuchungen gehalten, um alle zu verhaften, die geflüchtet waren,
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