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Geopfertes Volk : der Untergang des polnischen Judentums / M. Chersztein ; deutsche Übertragung von Jolanta Münch
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nächsten Morgen meldete ich mich bei der Gemeinde an. Ich war ge­radezu eine Sensation, denn es war noch nie vorgekommen, daß jemand aus dem Lidaer Gefängnis zurückkehrte. Der Schulze und sein Sekretär fragten mich ganz genau aus, und schließlich quartierten sie mich auf je zwei Tage bei den einzelnen Bauern ein.

Als ich in Lipniszki angekommen war, war ich sehr elend und konnte mich kaum auf den Beinen halten. Ich war wie gelähmt und ganz verlaust. Allmählich erholte ich mich bei guter Verpflegung. Jetzt bekam ich einen Paẞ, der lautete, daß ich polnischer Staatsangehöriger sei und karaitischen Bekenntnisses. Außerdem erhielt ich einen Passierschein auf eine Woche, weil ich meine polnischen Bekannten, die 15 km ent­fernt wohnten, besuchen wollte. Ich wanderte dorthin und erholte mich bei den Freunden so, daß ich vollkommen gesund wurde. Als mein Passierschein abgelaufen war, mußte ich nach Lipniszki zurückkehren. Es war für mich nicht angenehm, mich jeden zweiten Tag beim Schulzen­stellvertreter zu melden, damit er mir bei einem Bauern Unterkunft suche.

Schließlich riet mir der Gemeindesekretär, ins Dorf Poczern zu gehen. Er gab mir ein Schreiben für den Schulzen der Gemeinde und als dieser einmal in Lipniszki war, nahm er mich mit. In Poczern ver­brachte ich einige Monate, jeden zweiten Tag bei einem andern Bauern. Inzwischen war eine Anordnung erschienen, daß an jeder Hütte eine Tafel mit Namen und Alter der Bewohner auf Deutsch und Polnisch an­gebracht werden müsse. Ich konnte Deutsch , und so begann ich für alle diese Täfelchen auszuschreiben. Im Verlauf von einigen Monaten wan­derte ich durch alle Hütten und fertigte überall diese Täfelchen an.

In dieser Zeit brach beim Schulzen von Poczern Typhus aus, ich war damals im Dorfe Kuzmy. Um die Ursache der Erkrankung fest­zustellen, kam ein polnischer Arzt aus Iwja. Er ließ mich rufen, unter­suchte mich und stellte fest, daß ich ein Jude war. Ich versicherte ihm, daß die ärztliche Untersuchung nichts beweise, da die Karaiten den­selben Ritus der Beschneidung hätten. Er behauptete das Gegenteil und blieb dabei, daß ich ein Jude sei, ich hätte nur ein Buch über die Karaiten gelesen und bringe alles durcheinander. Er nahm mir meinen Ausweis fort und ordnete an, daß ich des Morgens beim Gemeindeamt eingeliefert würde.

Ich war verzweifelt, denn dies kam einer Verhaftung gleich; meine vorigen Erlebnisse konnten sich wiederholen. Die Nacht verbrachte ich schlaflos. Die Einwohner des Dorfes bekamen heraus, daß man mir meinen Paẞ genommen hatte, weil ich unter dem Verdacht stand, Jude zu sein, und zogen sich von mir zurück. Am Morgen brachte man mich nach Lipniszki. Den ganzen Weg lang flehte ich in meinem Herzen zu Gott . Der Gemeindesekretär war nicht da. Um elf Uhr kam er und ich erzählte ihm alles. Er gab mir einen Brief an den Arzt in Iwja und schickte mich im Schlitten, der in Iwja Holz abholen sollte, dahin. Ich

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