Druckschrift 
Geopfertes Volk : der Untergang des polnischen Judentums / M. Chersztein ; deutsche Übertragung von Jolanta Münch
Entstehung
Seite
19
Einzelbild herunterladen
  

Ausweisung. In der Nacht schlief man nicht voller Unruhe, ob das Haus nicht abgeriegelt würde, um dann für alles bereit zu sein.

Eines Morgens, es war in der ersten Hälfte des Septembers 1941, gingen wir wie gewöhnlich zur Arbeit, obgleich man tuschelte, daß heute alle ins Ghetto getrieben werden sollten. Wir glaubten, daß es besser sei, wenn man sich zur Arbeit stellte.

Als wir auf die Straße kamen, sahen wir viel litauische Kavallerie, Polizei und Gestapo . Unsere Gruppe, die zur Arbeit wollte, ließ man durch zwei Straßen, auf der dritten aber trieb man uns in die Deutsche Straße, wo die kleinen Gassen des Ghettos: Straschuna, Jaltowa, Rudnicka, einmündeten.

Unterwegs trafen wir die polnischen Hausmeister, die hastig um­zogen, doch es wurde uns nicht klar, weshalb. Alle Straßen waren dicht mit Polizei und litauischem Militär besetzt. Als wir aus dem Haustor schauten, sahen wir nur einen vorüberfahrenden Wagen mit Offizieren der Gestapo , die uns in den Torweg zurücktrieben. Wir standen ratlos da, denn wir hatten nichts mitgenommen, unser Eẞvorrat und alle Sachen waren zu Hause zurückgeblieben. Als wir zur Spital­gasse und zur Rudnicka hinüberblickten, sahen wir schon, wie man hohe Pfähle eingrub, an denen Bretter angenagelt wurden. So ent­stand eine hohe Holzwand, die das Ghetto von der Stadt trennte. Die litauische Polizei hatte angeordnet, daß alle Juden in 10 Minuten ihre Wohnungen zu verlassen hätten und nur das mitzunehmen, was sie tragen konnten. Die Leute aus den Häusern sammelte man an einer Stelle der Straße und trieb dann die Juden in großen Gruppen ins Ghetto. Das waren Bilder, die man nie vergessen kann.

Von weitem sah man nur eine Schar schwer bepackter Menschen, die vorwärts getrieben wurden, Greise und Kinder, Männer, Frauen, Mädchen, ganze Familien, alles durcheinander, jeder beladen mit seinem letzten Besitz. Die Gesichter waren von der übermenschlichen An­Ich sah junge strengung verzerrt, vom Aufgebot der letzten Kräfte. Mädchen, die ein riesiges Bündel Kissen trugen, sodaß sie kaum atmen konnten. Ich sah weinende kleine Kinder, die hinter der schwer be­ladenen Mutter herliefen; Greise, die sich mit einer Hand auf ihren Stock stützten, in der anderen ein Körbchen mit ihren Habseligkeiten. Fürchterliche Bilder, wie man sie einmal im Leben erblickt, um sie nie mehr zu vergessen. So trieb man von morgens früh bis fünf Uhr nachmittags immer neue Gruppen, auch von den entferntesten Vororten Wilnas, ins Ghetto. Die ersten Scharen lagerten in den Höfen und warteten, bis die Verwandten und Freunde ankamen. Dabei ging es nicht ohne Gemeinheiten durch die Deutschen ab. Sie genossen diese Feier", nahmen diesen und jenen Frauen ihren Schmuck ab, den Männern, Uhren und Geld, und sogar gute Stiefel und Mäntel. Da ich

19