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Geopfertes Volk : der Untergang des polnischen Judentums / M. Chersztein ; deutsche Übertragung von Jolanta Münch
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gingen die Deutschen zur Massenaktion über und führten beim Morgen­grauen die jüdische Bevölkerung dreier Straßen weg; keine lebende Seele wurde zurückgelassen. Die Juden, die durch diese Straßen gingen, blickten mit Entsetzen auf die leeren Häuser, in denen Friedhofstille herrschte.

Wer nur zur Arbeit fähig war, suchte sich eine, denn die Deutschen hatten viele Arbeiter für ihre Zwecke angefordert. Es war gefährlich, zu Hause zu bleiben, da die litauischen Polizisten fortwährend Haus­suchungen hielten. Als die Verhaftungen der Arbeitslosen zunahmen, verbarg man sich auf Dachboden, in Winkeln, oder man hielt sich während dieser Stunden nicht im Hause auf.

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Die deutsche Abteilung, bei der ich gearbeitet hatte, ging fort und ich blieb ohne Arbeit. Ich suchte mir eine neue Beschäftigung bei der Stadtverwaltung und bei der Kommandantur, aber vergebens. Es blieb mir nichts anderes übrig, als mit meinen Nachbarn zur Arbeit auf einer Baustelle zu gehen, die sich auf dem Ausstellungsgelände der Wilnaer Messe" befand. Dort erhielt ich eine Beschäftigung. Da es verboten war, einzeln zu gehen, gingen wir paarweise zur Arbeit. Immer benützten wir Nebenstraßen. Es gab auf der Baustelle verschie­dene Arbeitsmöglichkeiten. Ich schloß mich einer Gruppe von Tischlern an, die Abtritte bauten und konnte mich dort längere Zeit halten. Wir bekamen Arbeitsausweise, die eine oder zwei Wochen gültig waren. Waren sie abgelaufen, mußten sie erneuert werden. Die Aus­weise wurden oft geprüft, und wenn jemand einen Arbeitsausweis hatte, dessen Gültigkeit eben abgelaufen war, und er am nächsten Morgen keinen neuen vorweisen konnte, so wurde er bei der Morgenkontrolle weggeholt. Auf den Straßen wurde auch kontrolliert. Nur diejenigen, die einen gültigen Arbeitsausweis hatten, ließ man durch, die andern holte man aus der Gruppe heraus und brachte sie ins Lukischki­Gefängnis. Dort sammelte man sie, bis sie abtransportiert wurden; wohin, blieb ungewiß. Da man in der Stadt keine Lebensmittel bekom­men konnte, besorgte, der Bauleiter, ein deutscher Unteroffizier ein anständiger Mensch für alle Arbeiter die Verpflegung.

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Anfangs gab es russischen Zwieback, Dörrfische, die die Deutschen nicht essen mochten, und mittags eine Suppe. Täglich bekamen wir fünf Stück Zwieback und fünf Fische. Jeden Morgen versammelten wir uns, eine Schar von mehreren Hundert, vor dem Tore der Baustelle; nach dem Appell begab sich jede Gruppe an ihre Arbeit.

Schon damals tauchten Gerüchte auf, daß in Kürze alle ins Ghetto getrieben werden sollten und nur das mitnehmen durften, was jeder tragen konnte. Aber das genaue Datum wußte niemand. Die jüdische Bevölkerung begann, einen Teil ihrer Sachen zu verkaufen. Das andere wurde verpackt. Jeden Abend und jeden Morgen erwartete man die

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