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Geopfertes Volk : der Untergang des polnischen Judentums / M. Chersztein ; deutsche Übertragung von Jolanta Münch
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Straße anhielten und verhafteten, sie bei den nächsten Polizeirevieren ablieferten, um sie zur Zwangsarbeit einzusetzen. Alle, die jüdisch aussahen, mußten sich ausweisen, wobei die Papiere genau geprüft wurden. Anfangs war gestattet, nach Leistung einer gewissen Zahl von Arbeitsstunden nach Hause zu gehen und dort zu schlafen, doch mußten die Ausweise an der Arbeitsstelle bleiben und am nächsten Morgen mußte man wieder antreten.

Obwohl ich im Büro des Bäcker- Artels arbeitete, hielt mich einmal um 10 Uhr ein litauischer Polizist an und ließ sich meinen Ausweis zeigen. Ich zeigte ihn, er nahm ihn mir und befahl mir, mich nach der Arbeit beim Polizeirevier zu melden. Als ich dort hinkam, reihte man mich sofort in die aufgestellten Reihen von Juden ein. Man sah die Dokumente durch, rief die Namen auf und prüfte, ob alle zur Stelle waren. Dann wurde befohlen, zur Arbeit abzumarschieren. In Fünferreihen führte man uns zur Arbeitsstelle, zum Seitengeleise der Eisenbahn, wo Züge mit Zement standen.

Für jeden Waggon wurden acht Mann zugeteilt, um den Zement aus­zuladen. Litauische Zivilisten mit Gummiknüppeln hetzten uns bei der Arbeit und schlugen uns rücksichtslos ins Gesicht und auf die Beine, wenn wir nicht schnell genug arbeiteten. Das Schleppen der schweren Zementsäcke erschöpfte alle bald bei dieser Hast und dem Durchein­ander. Aus halber Betäubung jagte man uns durch Prügel wieder auf. Alle Gesichter waren von Überanstrengung und Entsetzen verzerrt. Als wir nach Hause zurückkehren durften, war die Polizeistunde schon vor­bei. Um nicht erschossen zu werden, marschierten wir in Viererreihen geschlossen nach Hause unter den Verwünschungen der Bevölkerung, die aus den Fenstern zusah.

Die Ernährungslage wurde immer schlechter. Anfangs konnte man noch etwas in den Läden kaufen, aber später wurde es immer schwie­riger; man verkaufte immer weniger Nahrungsmittel an Juden. Der Hunger der jüdischen Bevölkerung in Wilna begann. Der Menschenfang auf der Straße steigerte sich. Am Morgen waren alle Straßenkreuzungen von litauischer Polizei besetzt, die die Ausweise der Passanten prüfte. Inzwischen führte die litauische Polizei Haussuchungen durch. Einige Tage vorher hatte sie eine Verordnung zur Registrierung des jüdischen Vermögens erlassen und die Abgabe von Gold, Silber und Schmuck­sachen befohlen. Unter der Todesandrohung brachten alle Ringe, Leuch­ter, Becher und andere Wertsachen zur Polizei.

Schließlich begann die Evakuierung aus den Wohnungen. In der Nacht umstellten die litauischen Polizisten die Häuser, holten die Bewohner heraus, nahmen die Männer mit und jagten die Frauen und Kinder auf den Hof oder die Straße. Nur das, was man gerade in der Hand trug, durfte mitgenommen werden. Damit begann das Unheil für die jüdische Bevölkerung. Oft konnte man in der Nacht das Weinen und

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