Nur wenige Tage nach der Explosion der ersten Bomben, die den Kriegsbeginn verkündeten, begannen die Russen die Stadt zu räumen. Der Rückzug der Sowjet- Armeen kam für die Bevölkerung ganz unerwartet. Die Evakuierung des Sowjet- Militärs rief Panik und Verwirrung bei der Zivilbevölkerung hervor. Das sowjetische Heer räumte die Stadt systematisch und benutzte dabei Transportmittel jeder Art. Die jüdische Bevölkerung, die erkannte, daß die Deutschen die Stadt in Kürze besetzen würden, begann in allen Ängsten ihren Besitz schleunigst zusammenzupacken, um noch die letzten Transportzüge zu erreichen, die auf dem Bahnhof warteten. Ich ging auf den Bahnhof, um mich zu unterrichten, wie die Sache stand. Als ich aber das unfaẞliche Gedränge und die entsetzliche Hast der Menschen sah, entschloß ich mich, auf den Rat meines Vetters in Wilna zu bleiben und mich dem Schicksal auf Gnade und Ungnade zu ergeben. Die Züge hatten bei den Fliegerangriffen doch keine Aussicht, weit fortzukommen. Ich fuhr nicht. Nach der Räumung durch die Sowjet- Truppen blieb die Stadt ohne eine Behörde in atemraubender Erwartung der Ereignisse. Die Straßen waren menschenleer, alles verbarg sich in den Häusern. Eines Morgens, es muß der 24. 6. 1941 gewesen sein, nur wenige Tage nach dem Ausbruch des deutsch - russischen Krieges, erschienen schon die ersten motorisierten Spähtrupps in der Stadt. Die jüdische Bevölkerung erwartete mit Entsetzen das Hereinbrechen des Schicksals. Der erste Tag verlief jedoch ruhig. Die Litauer übernahmen das BäckerArtel*), zu welchem alle Bäckereien und Verkaufsstellen von Backwaren gehörten. Während der Sowjetzeit waren hauptsächlich Juden Mitglieder des Artels gewesen. Jetzt riefen die Litauer alle Angestellten dieses Artels zusammen, um die Genossenschaft zu übernehmen. Auch ich mußte bei dem Artel arbeiten, da ich die ganze Zeit dort beschäftigt gewesen war. Einige Tage lang arbeitete man normal. Auf den Straßen gab es keine Übergriffe. Viel deutsches Militär stand auf den Straßen. Die Kraftwagen und Panzer, die russische Fliegerangriffe befürchteten, verbargen sich in engen Gassen und Höfen.
Nach einigen Tagen begann die erste Aktion von litauischer Seite. Sie begann damit, daß Litauer mit Polizeiarmbinden die Juden auf der *) Arbeiterkorporation, halb staatliches Unternehmen.
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