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Weltreise nach Dachau : ein Tatsachenbericht nach den Erlebnissen des Weltreisenden und ehemaligen politischen Häftlings / Max Wittmann ; aufgezeichnet von Erich Kunter
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wenn er einen Büschel mit der Maschine herauszog. Wer dabei erwischt wurde, daß er einen Zigarettenstummel aufhob oder etwa eine Kartoffel aus der Küche beim Kartoffelschälen einsteckte, wurde geprügelt und bei halber Ration in Arrest geworfen. Halbe Ration! Die ganze bestand aus einem halben Pfund Brot am Tag, mittags einem Schlag voll Kraut oder Kartoffelgemüse und abends meistens einer Suppe oder einem kleinen Stück Käse.

Einmal im Dezember mußte ein Häftling nachts dringend austreten. Die Türen zu unseren Schlafräumen waren stets abgeschlossen. Der SA-Mann, der Nachtwache hatte, war angewiesen, auf Klopfen zu öffnen. Der Häftling klopfte. Es kam niemand. Er pochte nochmals. Zweimal, dreimal. Stärker. Endlich kam der Wachmann und fluchte unflätig. Er jagte uns alle raus. Sämtliche Schlaf- räume im Block wurden alarmiert. Dreihundert Mann mußten hinaus in die Aborthallen. Immer zwanzig Mann. Die anderen standen draußen in der Kälte, nur mit dem Hemd bekleidet. Wer mehr anhatte, mußte sich auf der Stelle bis aufs Hemd ausziehen. So verharrten wir auf einem Fleck eine gute halbe Stunde. Auch sonst wurden wir oft gezwungen, nachts drei- oder vier- mal alle Mann auszutreten. Dadurch kamen sehr viele um ihre ganze Nacht- ruhe, da man jedesmal aus dem Schlaf herausgerissen wurde und dann lange nicht wieder einschlafen konnte. Solche und ähnliche Scherze erlaubten sich die üblen Gesellen tagtäglich mit uns.

Am ersten Weihnachtstag wurden wir vom Heuberg in den Kuhberg nach Ulm überführt, in die unterirdischen Festungsgänge. Das Lager wär halbfertig und nicht eingerichtet. Weihnachten 1933 wird mir ewig in düsterer Erinnerung bleiben. Im Halbdunkel tappten wir in den Kasematten die engen Wendel- treppen hinunter, gingen durch die schmalen Gänge, die etwa hundert Meter weit leicht abwärts führten, standen in den dumpfen, feuchtkalten Verließen eine Weile bedrückt und verlassen umher, wollten es nicht glauben, daß dies unsere Unterkunft sein sollte. Zu essen bekamen wir an den Weihnachtstagen fast nichts, da die Häftlingsküche noch nicht eingerichtet war. Die SA-Wachen stellten ab und zu einen Kübel voll Essen aus ihrer Küche zu uns herein. Das war natürlich viel zu wenig für alle. Die Robusten fielen darüber her. Geschirr hatten wir noch keins. Man mußte irgendeinen Behälter oder eine Papp- schachtel nehmen, wenn man etwas haben wollte.

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